Lieber Wellblechpiste als Schreibtisch!!
Auf der Ruta 40
                 

Von Feuerland zum Lago General Carrera

Nachdem wir Feuerland endgültig - und nicht ohne Bedauern, denn es hat uns hier unten im einsamen Süden wirklich gut gefallen - verlassen haben, geht es für einige Tage Kurs NW bis in das uns von der Hinreise schon bekannte El Calafate, wo wir Nicole & Renato und Coen & Marijke wiedersehen. Hier lernen wir auch Bob & Lynne aus NZ/GB kennen, die in einem offenen 1948er MG-Roadster in den nächsten 2 Jahren die Amerikas bereisen wollen. Wenn wir bislang geglaubt haben, einen Exoten zu fahren .....! Es gibt mit allen viel zu erzählen und Informationen auszutauschen, und so bleiben wir ein paar Tage. Doch dann zieht es uns über die Ruta 40 weiter nach Norden, bis nach Bajo Caracoles - ein 100 Seelen-Ort mit einer Handvoll Häuser, keinem Campingplatz, aber dafür gibt es ja Hinterhöfe und einer Hotel-Kneipe als Kommunikationsmittelpunkt, wo man in aller Ruhe sein Bier trinkt und das Kommen und Gehen der Pickups beobachtet, die sich durch ihre Staubfahne schon 15 Minuten vor dem Eintreffen ankündigen.

Bajo Caracoles ist der Ausgangspunkt für den Besuch der "Cueva de los Manos (Höhle der Hände)" in der Schlucht des Rio Pinturas. Indianische Ureinwohner haben hier Malereien von Jagdszenen und zahllose Handabdrücke hinterlassen, die zu den ältesten menschlichen Zeugnissen Südamerikas zählen und zwische 9500 v.Chr. und 1000 n.Chr. entstanden sind. Wir sind sehr beeindruckt - allerdings auch von der grausamen 40 km-Wellblechpiste dorthin, die wir zweimal genießen dürfen, denn die Höhle liegt am Ende einer Sackgasse.

Auf unserer  Weiterfahrt nach Norden machen wir 2 Tage "Ferien auf dem Bauernhof" auf der Estancia Telken. Sie ist nur ein schmaler, von einem kleinen Flüßchen aus den Vorkordilleren bewässerter grüner Streifen Land inmitten einer ansonsten vollkommen unwirtlichen Wüste, das von einem älteren Paar niederländischer und britischer Herkunft bewirtschaftet wird.

Unser nächstes Ziel ist die Grenze nach Chile, und so geht es über Perito Moreno nach Los Antiguos, wo gerade das jährliche Kirschfest stattfindet: hier am Lago Buenos Aires gibt es kleine Landstriche mit einem ganz eigenen Mikroklima, und in einem kleinen Gebiet um Los Antiguos herum ist es im Jahresmittel so warm, dass Obstanbau betrieben werden kann. Wie auch für unsere Feste gilt: endlich mal wieder ein Grund zu reichlich Essen und Trinken. Am nächsten Tag überqueren wir dann im Ort Chile Chico die Grenze nach Chile. Das Waren-, insbesondere aber das Lebensmittelangebot ist sehr schlecht. Es ist wie früher in der DDR: Wir kaufen, was es gibt. Wer weiß, wann es das nächste Mal Klopapier oder Saft oder Bananen gibt?! Nur sind die Ursachen natürlich andere: War es in der DDR ein grundsätzlicher Versorgungsmangel, so hat sich hier nur der Versorgungs-LKW einmal wieder um ein paar Tage verspätet - was wir besser verstehen, als wir in den nächsten Tagen den Zustand der nun vor uns liegenden Strecke in vollen Zügen genießen dürfen!

Wir fahren weiter entlang des Lago Buenos Aires nach Westen, der hier in Chile Lago General Carrera heißt. Er ist nach dem Titicaca-See der zweitgrößte See Südamerikas und der größte Chiles. Insgesamt 14 Tage werden wir uns an diesem 184.000 ha großen Giganten aufhalten. Auf chilenischer Seite ist er umgeben von einer hochandinen Landschaft, von den hohen Gipfeln der südlichen Anden, deren höchster Gipfel der Monte San Valentin mit 4.085 m ist. Wir sind glücklich über das viele Grün nach der argentinischen Wüstensteppe und bleiben erst einmal einige Tage an der traumhaften Bucht Bahia Jarra mit, unglaublich, aber wahr, patagonischem Strandleben. Danach geht es auf die 120 km lange, spektakulär in die Uferberge hineingesprengte einspurige Route entlang des Seesüdufers. Vom Steilufer bieten sich immer wieder grandiose Ausblicke auf den See und im Westen die Gipfel des Patagonischen Eisfeldes, ebenso wie Ausblicke auf die zahlreichen Felsrutsche, die immer mal wieder die Piste blockieren.

Hinter Puerto Guadal stoßen wir dann auf die berühmt-berüchtigte Carretera Austral, die größtenteils als Schotterpiste über 1200 km von Villa O'Higgins im Süden bis nach Puerto Montt im Norden verläuft. Auf Anweisung von Pinochet - noch heute preisen viele Bronzegedenktafeln längs der Strecke seine Verdienste - wurde ab ca. 1980 aus militärpolitischen Gründen eine Straßenverbindung in den tiefen chilenischen Süden hineingetrieben, der vor Bau der Straße nur mit dem Schiff zu erreichen gewesen war. Dabei galt es, koste es, was es wolle, straßenbautechnische Hindernisse zu überwinden, die noch heute auf vielen Abschnitten jedem Benutzer, zumindest jenen mit einem größeren Fahrzeug, die Nackenhaare hochstellen. Es geht durch dichte Regenwälder, vorbei an tiefblauen Seen, scharf eingeschnittenen Fjorden und schneebedeckten Gipfeln. Die Reiseführer schwärmen: "Die Carretera ist Chiles schönste Route in die Einsamkeit", und diesmal haben sie nicht übertrieben!

Nahe Puerto Rio Tranquilo machen wir eine Bootsfahrt zur "Catedral de Marmol", kleine, von faszinierenden Höhlen unterminierte Inseln ganz aus Marmor. Hier campen wir in einem aufgelassenen Garten, und die eigenhändig geernteten Stachelbeeren werden zur ersten Reise-Marmelade verarbeitet. Im Ort ist das Lebensmittelangebot kläglich, aber es gibt immerhin 3 Internetcafes mit akzeptabler Geschwindigkeit, und wir können mal wieder den Kontakt nach Hause herstellen.

 
  Abschied von Feuerland

Mehr Bilder gibt es HIER!!

   
       

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Auf der Carretera Austral über Chiloé nach Puerto Montt

Ein Abstecher auf einen Seitenzweig der Carretera führt uns auf einer Piste nach Nordwesten, durch ein spektakuläres Tal mit immergrünen kalten Regenwäldern aus Palmen, Bambus, Farnen, riesigen blühenden Fuchsienbüschen sowie übermannshohen Nalca-Pflanzen, die wie unser Rhabarber im Gigantoformat aussehen. Die Piste, die bereits auf dieser südlichen geografischen Breite den Zugang zum Pazifik herstellen sollte, endet einige km vor der Bahia Exploradores im dichten Urwald. Wenn man die für schwerstes Gerät dimensionierten Brücken dieser einspurigen Strecke sieht, wird einem die Bedeutung des Wortes "geopolitisch" so richtig nahe gebracht! Die Arbeiten an den letzten km werden gerade wieder aufgenommen, doch Gottseidank nicht mehr aus militärischen Gründen, sondern um den Tourismus in diesem Landesteil weiter zu fördern. Hier an dieser Piste haben sich Kathrin und Thomas aus Deutschland einen Traum erfüllt. Sie haben 56 ha Land gekauft und ein Haus errichtet, in dem sie Zimmer und Restauration anbieten. Es ist schon hochinteressant, solchen deutlich anders lebenden Menschen zuzuhören und Einblicke in deren Lebensgestaltung zu gewinnen! Einig sind wir uns, dass so ein Einsiedlerdasein, auch in der unberührtesten Natur, für uns keine Lebensalternative wäre und wir unserem Nomadenleben den Vorzug geben. Wir kehren zum Hauptast der Carretera zurück und folgen ihm weiter nach Norden entlang des Rio Murta, durch das gleichnamige wunderschöne Tal mit grandiosen Aussichten auf den wie ein bizarres Fantasieschloss aussehenden Cerro Castillo. Nahe Puerto Ibanez treffen wir auf ein Naturspektal, den Wasserfall Salto Ibanez, der erst nach dem Vulkanausbruch des Hudson 1991 durch Blockade des Rio Ibanez entstanden ist. Dieser Ausbruch war auch die Ursache für die gespenstisch anmutenden abgestorbenen Bäume im Tal des Rio Murta, wo Vulkanasche riesige Waldflächen erstickt hat.

Dann ein letzter Blick auf den Lago General Carreras, und dann geht es durch das Tal des Rio Simpson nach Coyhaique ("Koi-Aike" - von den Indianern "Land zwischen den Wassern" genannt). Es ist ein freundlicher Ort mit einer schönen Plaza, kleinen Läden, Restaurants und einem super Supermarkt. Von italienischen Nudeln bis zur Leberwurst, von Rinderfilet bis zu zahllosen Früchten gibt es hier endlich wieder alles zu kaufen, was unsere Herzen höher schlagen läßt. Wir schlagen erbarmungslos zu! Unser Frühstückstisch biegt sich am nächsten Morgen. Und es kann wieder Marmelade gekocht werden. Auch Wolle von patagonischen Schafen für den nächsten Pullover landet bei den Bordvorräten.

Durch Regenwald geht es weiter nach Norden, und wie es sich gehört, regnet es auch mal. Die kurvenreiche Piste schlängelt sich mühsam bergauf und bergab, und riesige Gletscher begleiten uns. Entgegenkommende Fahrzeuge sorgen für gelegentlichen Nervenkitzel, und kilometerlange Baustellen mit lang dauernden Richtungssperrungen müssen überwunden werden. Trotzdem: Es ist wunderschön hier! Eine Wanderung führt uns durch dichten Regenwald hinauf zur Gletscherwand des Ventisquero Yelcho.

Wir erreichen nach einigen Tagen Puyuhuapi, ein winziger, 1935 von sudetendeutsche Familien gegründeter Ort, wie man unschwer erkennen kann: Teppichfabrik Walter Hopperdietzel, Hosteria Alemania, Casa Ludwig usw.. Im Cafe Rossbach lassen wir uns den bislang köstlichsten Kuchen Südamerikas schmecken.

Wir haben durchweg super Wetter, und wenn es mal regnet, geht es einfach in die nächste Therme, die sich in diesem vulkanisch sehr aktiven Gebiet immer mal wieder finden läßt. Im 40 Grad warmen Wasser kann man es beim Klönschnack mit anderen Besuchern durchaus einige Stunden aushalten.

Einige Tage bleiben wir an der Bahia Santa Barbara, wo wir vom Strand aus die spielenden Delfine beobachten - wie bei der ARD in der ersten Reihe! Dann führt uns die Carretera durch den wunderschönen und riesengroßen Privatpark Pumalin, gegründet, d. h. zusammengekauft vom früheren Esprit-Besitzer Douglas Tompkins. Es gibt fantastische Wanderwege in dieser tollen Landschaft, und zum ersten Mal in unserem Leben sehen wir Alercen, riesengroße und bis zu 4000 Jahre alte Bäume, die jahrzehntelang wegen ihres besonderen Holzes gnadenlos aus den Wäldern gezerrt wurden.

In Chaiten verlassen wir die Carretera Austral. Sie war ein ganz klarer Höhepunkt unserer Reise! Die vergleichsweise Ursprünglichkeit der Natur, die wenigen Menschen und der immer noch zu spürende Pioniergeist bei denen, die versuchen, sich hier eine Existenz aufzubauen, waren eine fantastische Mischung! Wir verabschieden uns endgültig von den Erika & Claude sowie Ulli, Peter & Ida und Elke & Klaus, mit denen wir in den letzten Tagen einige schöne Stunden verbracht haben und nehmen die Fähre nach Quellon auf der Insel Chiloé. Obwohl die Menschen sehr freundlich sind, und wir gutes Wetter haben, sind wir von Chiloé nicht so begeistert. Die Insel ist vergleichsweise dicht besiedelt, stark gerodet und die allgegenwärtigen Lachszuchtbecken machen die Küsten auch nicht schöner. Aber der Lachs schmeckt uns trotzdem und ist zudem spottbillig.

Deshalb verlassen wir bereits nach einer Woche Chiloe per Fähre von Chacao nach Pargua auf dem Festland. Nach 60 km erreichen wir Puerto Montt, eine Hafenstadt an der Bucht von Reloncavi, der Vulkan Calbaco im Hintergrund. Es gibt eine Plaza de Armas mit einer Kathedrale aus Alerce-Holz und einer Kupferkuppel und ein Denkmal für die deutschen Einwanderer, die ab 1852 diesen Teil Chiles besiedelt haben. Aber der interessanteste Teil von Puerto Montt ist der Stadtteil Angelmo mit seinen Kunsthandwerksständen und der Markthalle, wo das Angebot an Fischen und Meeresfrüchten sowie Käse, Obst und Gemüse vielfältig ist. Da muss man einfach zuschlagen, und aus herrlichem Krabbenfleisch entsteht abends ein köstliches Mahl.

 
       
  Puetengeier auf Chiloé
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 
       

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Das chilenische Seengebiet ist unser nächstes Ziel, doch darüber ein anderes Mal mehr!

Bis dahin viele Grüße von
Bettina & Rolf