Lieber Wellblechpiste als Schreibtisch!!
Tanzgruppe in Copacavana
                 

Von Arica nach La Paz

Hola amigos! Zuletzt haben wir uns aus Arica/Chile gemeldet, die Stadt, die wir inzwischen bereits vor einem Monat verlassen haben, um uns ein zweites Mal auf den Weg nach Bolivien zu machen (der Bericht über unsere erste Bolivien-Reise findet sich HIER). Wir folgen der Ruta 11, eine nahezu perfekte Asphaltstraße, nach Nordosten den Andenwestkamm hinauf und machen zur Akklimatisierung auf 3.200 m Höhe einen Stopp bei „Turismo Taki“. Andrea, die uns ausführlich ihre alternative Lebensphilosophie schildert, lebt hier mit Mann und 5 Kindern mit nur sporadischem Kontakt zur Außenwelt und nahezu autark. Sie betont die Vorzüge regenerativer Energiequellen (vor dem Haus stehen Solarpanele und eine kreischende Windturbine), gleichzeitig gehören zwei fette Reihen Industrieakkus dazu, im Haus klimpert der älteste Sohn virtuos und gleichzeitig auf 2 PCs, und Internetzugang ist das, was sie am schmerzlichsten vermissen! Ein Leben „im Einklang mit der Natur“ – wo ist der Mittelweg für diejenigen, die nicht wieder in die Steinzeit zurück wollen? Gäste wie wir sind jedoch immer willkommen, und wir werden freundlich aufgenommen.

Als wir am nächsten Tag weiterfahren, sind wir leider noch nicht richtig akklimatisiert, denn im „Parque Nacional Lauca“ auf 4.500 m Höhe kämpft Rolf mit der Höhenkrankheit. Der Park ist wunderschön mit alten Adobe-Kirchen in winzigen Dörfern, schneebedeckten Vulkanen über 6.000 m sowie smaragdgrünen Lagunen. Der „Lago Chungará“, auf 4.570 m und nur noch 12 km von der bolivianischen Grenze entfernt, ist angeblich der höchste See der Welt.

Die Grenzformalitäten sind recht schnell und diesmal auch korrekt erledigt, und schon kurz hinter der Grenze erreichen wir den „Parque Nacional Sajama“. Es ist der älteste Nationalpark Boliviens, der den höchsten Berg Boliviens, den Vulkan Sajama (6.542 m) umgibt. Die höchsten Wälder der Welt aus Queñua-Bäumen, in unseren Augen eher eine lockere Ansammlung mittelhoher Büsche, wachsen hier. An der wunderschönen „Laguna Huañakota“ mit vielen Vögeln und Vicuñas lassen wir uns nieder. Nachts sinken die Temperaturen auf Minusgrade, und wir schlafen wieder mit Pudelmütze.

Eine sehr holperige Piste führt uns durch eine wunderschöne, inzwischen wieder grüne Hochebenenlandschaft, vorbei an winzigen Gehöften mit riesigen Lamaherden. Wir stoßen erneut auf die „Carretera Internacional“, die durchgängig asphaltierte Verbindung zwischen Arica und La Paz, die in 3.800 m Höhe über eine nie langweilig werdende Trasse führt. Schon von weitem sind die schneebedeckten Gipfel östlich La Paz sichtbar, und auch der Hausberg Illimani zeigt sich in voller Schönheit. Schließlich erreichen wir El Alto, die auf 4100 m liegende Oberstadt des Kessels von La Paz. Eine ruppige Piste bringt uns in das Tal „Valle de la Luna“, nach Mallassa zum Hotel Oberland, unserem Stellplatz-Domizil für die nächsten 7 Tage. Wie so oft im Bannkreis von Sehenswürdigkeiten können wir hier alte Reisebekanntschaften auffrischen und neue schließen.

 
 
          Auch Hunde frieren auf 3800 m!
Mehr Bilder gibt es HIER!!

________________________________________________________________________________________________

La Paz

La Paz – die Stadt des Friedens – ist die größte Stadt Boliviens, der faktische Regierungssitz (de jure-Hauptstadt ist Sucre, siehe auch HIER) und liegt auf einer Höhe von 3.100 bis 4.100 m. Vereinfacht gesagt, leben oben die Armen und unten die Reichen, denn unten ist der Sauerstoffgehalt (leider auch der Dieselabgasgehalt) höher. Dennoch ist die Luft auch unten immer noch reichlich dünn, und wir machen folglich bei unseren Stadtrundgängen des Öfteren kleine Pausen, immer verbunden mit Café con leche und leckeren Tortas.

La Paz fasziniert uns. Die ganze Stadt ist ein einziger Straßenmarkt, und wir können nicht widerstehen, das eine oder andere Souvenir zu erstehen. Natürlich besuchen wir auch die Hexen auf dem Hexenmarkt, die auch heute noch – mittlerweile mit Handy am Ohr – alle möglichen Kräuter und Fetische anbieten. Das kleine Cocamuseum bietet interessante Informationen mit dem Grundtenor, dass spirituelle, insbesondere aber unumstrittene zivilisatorisch-technische Höchstleistungen diverser Königreiche Südamerikas ohne Cocagenuss nicht zu erbringen gewesen wären!

Die kleine koloniale Altstadt mit ihren Stadtteilfesten gefällt uns sehr. Wir sind baff, wie schnell die Anwohner auch bei der schrägsten Blasmusik das Tanzbein schwingen! Im „Mercado Socopachi“ bekommen wir den besten Käse unserer bisherigen Reise und auch andere Köstlichkeiten. Vom Mirador Montículo haben wir schöne Ausblicke über die Stadt und auf den Illimani.

Nur der Nachschub von Petroleum für unseren Kocher, in Argentinien und Chile fast an jeder Tankstelle zu bekommen, gestaltet sich hier als schwierig! Wir wundern uns nicht mehr, als wir erfahren, dass Petroleum zur Herstellung von Kokain verwendet wird und der Verkauf streng reglementiert ist! Aber wir schaffen es, den Stoff zu beschaffen (natürlich auf dem Hexenmarkt!), ohne verhaftet zu werden.

Reifenreparatur in La Paz

Mehr Bilder gibt es HIER!!

________________________________________________________________________________________________

Von La Paz nach Copacabana

Nachdem wir uns von vielen alten und neuen Reisefreunden verabschiedet haben, verlassen wir La Paz schweren Herzens. Wir wollen weiter nach Copacabana am Titicaca-See, wo in den nächsten Tagen ein großes Fest stattfinden soll. Wir schlängeln uns also wieder nach El Alto hinauf und wühlen uns durch dichten Kamikaze-Verkehr viele Kilometer nach Nordwesten aus der nicht enden wollenden Stadt hinaus.

Schon bald eröffnen sich uns Ausblicke auf den kleinen Titicaca-See, den Wiñaymarca und die dahinter liegende Cordillera Real mit über 6.000 m hohen Bergen. Eine wunderschöne Strecke am Seeufer entlang bringt uns auf die Halbinsel „Peninsula de Huata“. Seit Bolivien keinen Zugang mehr zum Meer hat, ist hier die bolivianische Kriegsmarine stationiert! Am „Estrecho de Tiquina“, mit 800 m die schmalste Stelle zwischen dem kleinen und großen Titicaca-See, überqueren wir den See auf einer nicht sehr viel Vertrauen erweckenden Pontonfähre. Es herrscht etwas Seegang, unser Unimog schaukelt sich bedenklich auf, und wir sehen ihn schon auf dem Grund des Titicaca-Sees liegen und uns in dem 12 Grad frischen Wasser baden! Doch nach einer halben Stunde ist alles überstanden.

Die Straße windet sich nun entlang des Sees wieder auf 4.300 m hinauf, bis wir unter uns Copacabana in der Nachmittagsonne liegen sehen. Sein alter Inkaname „Kota Kahuaña (Seeblick)“ ist berechtigt!

Pontonfähre über den Titicaca - wenn das bloß gutgeht!

Mehr Bilder gibt es HIER!!

________________________________________________________________________________________________

Copacabana - der Ort

Copacabana, wie der See „nur“ noch auf 3.818 m und übrigens auch Namensgeber für Rios berühmten Strand, blickt auf eine über 3.000 Jahre alte Geschichte zurück und ist heute ein wichtiger Wallfahrtsort. Die „Basilica Virgen de la Candelaria“ mit ihrem prunkvollen Altar beherbergt die Holzstatue der legendären, wundertätigen „Schwarzen Madonna“. Täglich kommen deshalb viele Menschen u. a. mit ihren geschmückten Fahrzeugen hierher, um diese und sich – je nach Glauben - vom Pater, Schamanen oder von der Hexe segnen zu lassen. Nachdem dann Pachamama mit einem Spritzer auf den Boden einen Teil Bier, Sekt oder Wein erhalten hat, wird eine kleine Dusche über das Fahrzeug gespritzt und der Rest ausgetrunken. So bekommt jeder seinen Teil. Es ist wirklich ein Spektakel der besonderen Art! Genauso anrührend sind die vielen am Kiosk zu kaufenden „Lebenswunsch“-Miniaturen – Autos, Geldbündel, Hochschuldiplome, Ladengeschäfte, Restaurants etc. – die man, selbstverständlich gegen einen kleinen Obolus, ebenfalls segnen lassen kann, auf dass der Wunsch sich innerhalb des laufenden Jahres erfüllen mag! Leider hatten sie keine Unimog U5000-Miniatur, Ihr wisst schon, den mit der 280 PS-Maschine ….!

Wir machen eine Wanderung auf den „Cerro Calvario“, den Kalvarienberg, die uns an 14 Kreuzstationen vorbei auf 4.018 m Höhe hinaufschnaufen lässt! Aber wir werden mit einem grandiosen Ausblick auf See und Stadt belohnt.

Hoch über dem Titicaca-See

Mehr Bilder gibt es HIER!!

________________________________________________________________________________________________

Copacabana - zur Isla del Sol

Selbstverständlich machen wir auch eine Bootsfahrt auf dem Titicaca-See. Bolivien und Peru teilen sich seine Gesamtfläche von 8.562 qkm (13 x größer als der Bodensee), der in 3.810 m Höhe der höchstgelegene schiffbare See der Welt und tatsächlich schon ein Binnenmeer ist. Er ist ein riesiger Wärmespeicher, so dass, ungewöhnlich für die Höhe, um ihn herum Mais, Gerste, Kartoffeln, Erbsen und Quinoa-Getreide gedeihen. Die Region um den Titicaca-See gilt als Ursprung der 3800 Kartoffelarten, die heute noch in den Andenländern angebaut werden.

Wir fahren zur „Isla del Sol (Sonneninsel)“, die etwa 20 km nördlich von Copacabana liegt. Schaut man Richtung Nordwesten, so liegt alles Land unter dem Horizont – ohne viel Fantasie glaubt man sich auf dem offenen Meer! Auf der „Isla del Sol“, die wir ohne Seekrankheit erreichen, haben nach einer Inka-Legende der erste Inka „Manco Capac“ und dessen Frau „Mama Ocllo“ die Erde betreten. Wir erwandern über einen steilen, steinigen Inkapfad die Chinkana-Tempelruinen (El Laborinto) neben dem unscheinbaren, den Inka heiligen Inkarnationsfelsen, erklimmen die verflucht steilen Treppenstufen „Escalera del Inca“ und landen in einem winzigen Restaurant, wo uns Ausblicke auf den See und die Cordillera sowie eine leckere Quinoa-Suppe versöhnen. Diesen ereignisreichen Tag beschließen wir wieder einmal im "Kiosko No. 9" an Copacabanas Uferpromenade mit einem köstlichen Forellenessen.

Manche Touristen mögen das ....!
Mehr Bilder gibt es HIER!!

_____________________________________________________________________________________

Copacabana - das „Fest des Kreuzes“

Und dann startet das drei Tage dauernde spektakuläre „Fest des Kreuzes“, das mit einer Ahnenverehrung und Prozessionsumzügen gefeiert wird. Uns scheint, dass der religiöse Ursprung ein wenig in den Hintergrund getreten ist, gerade noch zu erkennen anhand eines gelegentlichen Kreuzes oder einer Madonnenfigur! Ansonsten lassen uns die vielen Tanzgruppen, die von Blechbläsern begleitet werden, die alle, natürlich stark versetzt, nur ein (!) Musikstück spielen, eher an Río de Janeiro denken! Die fantasievollen Kostüme verbergen bei einigen Mädels wirklich nur noch wenig und zu Ehren von Pachamama fließt auch reichlich Alkohol! Den ganzen Tag verfolgen wir auf einer ziemlich wackligen Tribüne, aber auch zwischen den Tänzern die teils von weither angereisten Gruppen und sind (auch Rolf, siehe oben!) hellauf begeistert. Die Umzüge um die Plaza enden erst mit Einbruch der Dunkelheit. Danach treffen sich die Bläsergruppen und auch andere Bands unterhalb des Kalvarienbergs. Wer nun allerdings glaubt, sie würden gemeinsam Musik machen, hat sich getäuscht. Aus jeder Ecke dröhnt eine andere Musik - bis zum nächsten Morgen. Aus etwas Distanz eine unglaubliche Kakophonie! Ohne Ohrstöpsel ist in dieser Nacht an Schlaf nicht zu denken!

Ein während der Umzüge gedrehtes Video wird bereits am nächsten Tag als DVD überall im Ort abgespielt und verkauft. Plötzlich entdecken wir uns in dem Streifen! Großzügig beschließen wir, keine Urheberrechte einzufordern, sondern mit den Tanzgruppen die Medienwelt zu erobern.

Copacabana - das "Fest des Kreuzes"
Mehr Bilder gibt es HIER!!

________________________________________________________________________________________________

Nach 6 ereignisreichen Tagen verabschieden wir uns von Copacabana und auch von Bolivien, um nun endgültig weiter nach Peru zu reisen. Aber darüber im nächsten Bericht mehr!

Hasta luego,

Bettina & Rolf

(Copacabana/Bolivien im Mai 2009)