Lieber Wellblechpiste als Schreibtisch!!
St. Petersburg
       
 
 
 
 
 
  
 
 
   

     
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Russland - Mai 2012

Von Maschen nach Lomonossow

Als unser Wagen endlich mit Verspätung aus Muskat/Oman in Bremerhaven eintrifft, haben wir nur noch 2 ½ Wochen Zeit, ihn für unsere neue Reise wieder startklar zu bekommen: Nachbesserungen, Service, TÜV usw. sind zu erledigen - Stress pur! Aber - wir schaffen es!

Am 3. Mai starten wir, nachdem uns Familie und Freunde mit guten Wünschen und Proviant verabschiedet haben, zu unserem neuen Abenteuer, Projektarbeitstitel „Go East Old Man“. Das beginnt zunächst in Rostock, wo Nicol und Renato und unsere Fähre nach Helsinki uns bereits erwarten. Nicol und Renato kennen wir von unseren Südamerikareisen, und gemeinsam wollen wir auf den Treck nach Osten gehen. Die zweitätige sturmfreie Überfahrt bietet uns Gelegenheit zum Entspannen und zum weiteren Antrainieren dieser vermaledeiten kyrillischen Buchstaben. Im sehr kühlen Helsinki wechseln wir den Hafen, und eine andere Fähre bringt uns noch am selben Tag weiter nach Tallin, der Hauptstadt Estlands am Finnischen Meerbusen. Im Yachthafen von Pirita, nur 5 km vom Stadtzentrum entfernt, finden wir einen guten Standplatz.

Tallin gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO, und interessant und hübsch ist der nahezu vollständig erhaltene mittelalterliche Stadtkern. Die Sehenswürdigkeiten erkunden wir bei einem langen Spaziergang, Kaffee und Kuchen in einem gemütlichen Jugendstil-Café kommen auch nicht zu kurz.

Wir verlassen Tallin und überqueren am 7. Mai in Narva ohne Probleme (die Zollbeamten sind sehr freundlich und hilfsbereit) die Grenze nach Russland. Jetzt ist sie da, die kyrillische Schrift, und sie wird uns für lange Zeit nicht verlassen. Sie ist wirklich nicht so einfach, wir werden aber im Laufe der Zeit besser, wenn wir gemeinsam laut die vorbeiziehenden Ortsschilder zu entziffern versuchen. In Narvas russischer Schwesterstadt Iwangorod tauschen wir Euro in Rubel und schließen für 3 Monate eine sehr günstige Autoversicherung ab. Den Deckungsumfang in Erfahrung zu bringen, verhindert unser exzellentes Russisch (s. o.) – ist vielleicht auch besser so ….!

Sergej vom Campingplatz in Lomonossow, ca. 50 km westlich von St. Petersburg, erwartet uns bereits. Der „Camping“ stellt sich als umzäuntes Fabrikgelände mit einem Stück Wiese heraus, die Sergej als Stellplätze an Wohnmobilisten vermietet. Wir sind z. Z. die einzigen Besucher, aber im Sommer wird die Wiese rappelvoll. Wir fühlen uns wohl und sicher hier, und Sergej ist ausgesprochen nett und hilfsbereit. In Lomonossow machen wir auch unsere ersten Einkaufsgehversuche. In riesigen Supermärkten gibt es alle Köstlichkeiten, u. a. auch Rolfs geliebten „Smetana“. Diese quarkig-cremige Substanz mit nur 20 % Fett ist nicht der einzige, aber der wichtigste Grund für unsere Reise.

  Tallin  

Mehr Bilder gibt es HIER!!

 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Tallin: Yachthafen Pirita; N59 28.098 E24 49.447; Toiletten, Duschen, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch

Lomonossow: Sergejs Campingplatz; N59 53.523 E29 48.575; Wasser, Entsorgung, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch


 

Peterhof

Ganz in der Nähe von Lomonossow liegt Peterhof, eine Residenz Peter des Großen. Das Wetter ist gut, deutlich wärmer als in Tallin. Da in St. Petersburg heute die offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg gegen Hitler-Deutschland stattfinden, und die halbe Innenstadt für dieses Ereignis gesperrt ist, entscheiden wir uns für einen zweiten Besuch nach unserer Russland-Baltikum-Reise im Jahr 2005. Der verspielt-luxuriöse Komplex aus Schlössern, Parks und Wasserspielen begeistert uns auch diesmal wieder!

Auf dem Wege dorthin kommen wir durch das Örtchen Strelna. Hier ließ Herr Putin für sich eine „Zaren“-Residenz samt Gäste- und Konferenzgebäuden und einer künstlich aufgeschütteten Insel errichten. Weder stilistisch noch hinsichtlich der Gediegenheit sehen wir im Vorbeifahren einen Unterschied zu Peterhof ….!

 

              Peterhof          
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St. Petersburg

St. Petersburg ist von Lomonossow mit öffentlichen Verkehrsmitteln in ca. 1 ½ bis 2 Std. zu erreichen – unser erstes Abenteuer. Das Meiste klappt recht gut. Als wir jedoch am ersten Tag auf dem Rückweg unsere Haltestelle zum Aussteigen in Lomonosow verpassen, ruft an der Endstation ein freundlicher Russe kurzerhand seinen Freund an, der uns dann in seinem alten, klapprigen und getunten (Lederlenkrad) Lada „nach Hause“ bringt. Lada-Fahren in russischen Schalensitzen wollten wir immer schon einmal.

Wir erkunden die Stadt vom Neswkij Prospekt aus, St. Petersburgs Prachtstraße, die einst auf Befehl Peter des Großen durch dichten Buschwald und sumpfige Wiesen angelegt wurde. Vom Newskij aus erreichen wir die Christi Auferstehungskirche „Auf dem Blute“, die zur Erinnerung an das Attentat auf Zar Alexander II genau dort errichtet wurde, wo der Zar verblutete. Eine fantastische, farbige und verspielte Architektur mit goldenen Zwiebeltürmen - Moskau-Stil eben, im Gegensatz zur strengen St. Petersburg-Architektur. Im Errichtungszeitraum 1883-1907 eine klare Machtansage des moskowiter Klerus. Innen eine unglaubliche Pracht aus 16.000 qm Mosaiken an Decken und Wänden.

Diesmal besuchen wir die Eremitage, zu Deutsch „Einsiedelei“, was nach Durchwanderung der 353 Räume irgendwie absurd erscheint. Wir haben sicher nicht alle Räume gesehen, aber einen bleibenden Eindruck gewonnen. Bereits am Eingang erwartet uns ein architektonisches Prunkstück, die Jordantreppe, die starke Anleihen bei Venedigs Architektur genommen hat. Beeindruckend sind auch die Gold- und Marmorsäulen, die meterhohen Malachitvasen und quadratmetergroßen Tischplatten aus Lapislazuli, der unglaublichen Luxus der Möbel, Tischaufsätze und Prunkuhren, das Parkett aus verschiedenen Hölzern, die marmornen Mosaiken. Die riesige Kunstsammlung eines der bedeutendsten Museen Europas umfasst u. a. ca. 15.000 Gemälde, die nur zu einem kleinen Teil ausgestellt und nach unserem Dafürhalten eher unprofessionell präsentiert werden. Kaum ein Bild, dessen Ausleuchtung der künstlerischen Bedeutung entspräche.

Danach ist Entspannung angesagt. Im berühmten Literaturcafé am Newskij Prospekt schwelgen wir bei leckerem Kuchen im Blick auf die „Kathedrale der Muttergottes von Kasan“ und den Kolonnaden mit 96 vierreihig angeordneten korinthischen Säulen. Und das, ohne sich nur einen Schritt bewegen zu müssen.

Eine Bootfahrt bringt uns bei strahlendem Sonnenschein auf die Newa, dann unter der Dreifaltigkeitsbrücke hindurch in den Mojka-Kanal, durch Teile des historischen Zentrums.

              St. Petersburg          
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Fahrt zum Goldenen Ring

Nach 5 Tagen verabschieden wir uns von Sergej und setzen unsere Reise fort. Unser Ziel ist nun der Goldene Ring. Bis dahin sind jedoch noch einige km zu überwinden. Immer wieder finden wir hübsche Plätze zum Bleiben und Übernachten, ob in der Nähe von Dörfern auf Wiesen, in Wäldern, am Rubinskoe-See oder am Ufer von „Mütterchen“ Wolga. Schon seit Lomonossow ruft jeden Abend der Kuckuck und macht die sprichwörtliche Weite des russischen Landes friedvoll. Je weiter wir nach Süden kommen, desto wärmer wird es. Der Frühling ist bereits vom Frühsommer abgelöst worden, und die frühen Knospen in Tallin und St. Petersburg wurden durch die Blüte der Obstbäume und Wildblumen ersetzt.

Im Vergleich zu 2005 fällt uns auf, dass in den Ortschaften viel für die Verschönerung getan wird. Viele Häuser besitzen neue Dächer und sind bunt gestrichen. Viele Kirchen wurden und werden renoviert. Nur eines hat sich nicht verändert – der katastrophale Zustand der Straßen. 150 km auf dem Trümmerasphalt, und die Crew ist geschafft! Während in Westeuropa Asphalt i. W. die Aufgabe hat, die Straßenoberfläche zu ebnen, um so ein möglichst sanftes Gleiten des Fahrzeugs zu ermöglichen, dient er hier der Traktionserhöhung für Nicht-Allradfahrzeuge bei Regen. Ansonsten hat er hier noch die Aufgabe, in der russischen Weite den Fahrer durch Stöße, Schläge, Luftsprünge, Vibrationen, verlorene Fahrzeugteile etc. vor dem Einschlafen zu bewahren.

Wolga    
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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Goldener Ring: Rostow-Veliky und Suzdal

Am 18. Mai erreichen wir mit Rostow-Veliky unsere erste Stadt des Goldenen Rings. Bevor Russland eine Nation mit der Hauptstadt Moskau wurde, waren die Städte des sogenannten Goldenen Rings, die sich ringförmig östlich um Moskau legten, Sitz mittelalterlicher, mächtiger und unabhängiger russischer Fürsten. Rostow-Veliky ist eine der ältesten Städte und liegt mit seinem mächtigen und sehr sehenswerten Kreml mit den silbernen Zwiebeltürmen und Kuppeln idyllisch am Schwarz-See. Die Stadt selbst mit ihren staubigen Straßen, ungepflegten Häusern und zur Kloake verkommenen Uferbereichen wirkt eher trostlos auf uns.

Weitaus besser gefällt uns Suzdal, das wir am nächsten Tag besuchen, und das so hübsch ist, dass wir gleich zwei Tage hängenbleiben. Dome, Kuppeln, Zwiebeltürme in Gold, Silber und Blau wohin das Auge auch schaut! Es ist auch eine sehr gepflegte Stadt mit hübschen alten, reich verzierten Holzhäusern. Durch den Ort mäandert der Kamenka-Fluss, dessen Ufer zum Entdecken einladen. Es macht uns viel Spass, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu laufen, in Cafés Kaffee und Kuchen zu genießen, über Märkte zu schlendern und das alles bei sommerlichen Temperaturen von 29 Grad. Eingeholt haben uns aber schon vor einigen Tagen nicht nur die sommerlichen Temperaturen, sondern auch die „Tschernobyl“-Mücken, denen man nicht entkommen kann. 12 mm lang, jeder Stich 1 ccm Blut, 1000 Stiche = 1 Liter, Dörrobst, tot ….!

In Suzdal stehen wir auf einem richtigen Campingplatz, der Teil des Hotels „GTK Turcenter“ ist. Purer Luxus mit super Sanitäranlagen, Waschmaschine und Küche und einer Bar in der klassisch sowjetischen Hotel-Lobby, wo wir bei offenem Netz russisches Bier schlürfen.

  Rostow  
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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch

Suzdal; Hotel „GTK Turcenter“; N56 25.882 E40 25.317; Toiletten, Duschen, Waschmaschine, Küche, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch


 

Von Suzdal nach Kazan

Es fällt uns nicht leicht, aber schließlich fahren wir weiter, zunächst nur bis kurz hinter Nischnij Nowgorod, dessen Querung eine fahrerische Herausforderung ist. 40 km hinter der Stadt finden wir einen schönen Platz am Ufer des mit 3.690 km längsten Flusses Europas, der immer mächtiger werdenden Wolga, an deren Steilufer wir zwei Tage bleiben. Wir schauen den trägen, gelbbraunen Fluten und den Schiffen auf ihnen zu, wie sie nach rechts Richtung Kaspisches Meer entschwinden. Unzählige Schwalben brüten in den Uferböschungen und veranstalten ein Schlachtfest unter den Mücken - ohne erkennbare Erfolge..... Leider schlägt das Wetter um, und die Tageshöchsttemperaturen fallen um satte 20 Grad! Sibirien kommt näher.

              Wolga          
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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Wolgaufer östlich Nischnij Nowgorod; N56 07.200 E44 23.555; keine Versorgung, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch


Hinter Kazan werden wir das Wolgagebiet verlassen und mit der Querung des Urals beginnen - Asien ruft! Doch darüber im nächsten Bericht mehr!

Balschoi Priwet, Bettina & Rolf (Kazan, im Mai 2012)