Lieber Wellblechpiste als Schreibtisch!!
Auf der M53
       
Von der Seeve zum Baikal-See  
 
 
 
 
  
 
 
   

     
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Russland - Juni 2012

Von der Wolga zum Ural

Wir verlassen das Wolga-Gebiet Richtung Osten. Der Ural und die Grenze zwischen Europa und Asien liegen vor uns und wollen überquert werden – darüber unten mehr.

Seit über einem Monat reisen wir nun durch Russland, und vieles ist anders als in anderen Ländern. Aber - ist es nicht das, was wir suchen? Die Russinnen und Russen machen oft einen mürrischen Eindruck. Aber wenn man mit ihnen ins Gespräch kommt, sind sie sehr freundlich und ausgesprochen hilfsbereit. Ein Hinweisschild „Café“ bedeutet leider nicht, dass es hier Apfelstrudel mit Vanillesauce oder Käsekuchen gibt. Meist handelt es sich um ein Restaurant, in dem man nur Deftiges essen kann. Kaffee gibt es jedoch immer. Um Lebensmittel einzukaufen, muss man Ausschau halten nach einem Schild „Produkt“ oder „Magazin“. Hinter einer unscheinbaren Fassade, fast immer ohne Schaufenster, verbirgt sich oft ein Geschäft mit reichhaltigem Angebot. Aber auch Geschäfte für Kleidung, Elektroartikel etc. wirken wie getarnt. An den Straßenrändern wird alles Mögliche angeboten: Lebensmittel, Plastikartikel, Badezimmereinrichtungen, Kies, Holz, Diesel, Blumen, Grabschmuck und Mädels.

Apropos Straßen - Russlands Strassen sind schon etwas Besonderes, genau genommen sind sie zum Kotzen. Bodenwellen, die exakt auf die Resonanzfrequenz unseres Fahrwerks abgestimmt sind; in frischen Asphalt perfekt hineinmodelliertes Wellblech; 20 cm hohe Stufen an den Nähten der (häufigen) Ausbesserungsstücke. Nie haben wir eine Straßenunterbausanierung gesehen, es wird immer nur eine weitere Asphaltschicht oben draufgelegt und das, obwohl 90 % aller Fahrzeuge schwere LKW sind. Wir haben bislang über 7000 km im Land zurückgelegt, davon waren 50 % "mangelhaft" (permanente sehr heftige Schläge, nur die Gurte verhindern, dass wir unsere Sitzplätze tauschen, unsere Ablagen in der Fahrerkabine entleeren sich regelmäßig, unser Maskottchen Leo übt Fliegen) und 10 % "ungenügend“, will sagen: , zusätzlich zu den beglückenden Begleiterscheinungen der Note "5" fahren wir Geschwindigkeiten von 5 -20 km/h! Herrlich, mal wieder 10 km oder auch mehr mit leicht erhöhtem Fußgängertempo dahinzuschleichen, während die Russentrucks gnadenlos an uns vorbeispringen! Seit 5000 km fahren wir mit gemäßigtem Pistenreifendruck, sonst wäre uns schon die Hinterachse herausgefallen. Dann kommen ausgebesserte Straßenstücke. Zu Beginn der Reise glaubten wir immer „Oh, jetzt ist der Horror vorbei!“, also beschleunigen, heraufschalten – nur, um 400 m weiter wieder in die Eisen steigen zu müssen. Wir haben gelernt: In der Ruhe liegt die Kraft! Einfach mit der letzten Geschwindigkeit weiterfahren und erst, wenn nach 5 Minuten die gnadenlosen Bocksprünge noch nicht zurückgekehrt sind, dann – siehe oben. Zugegebenermaßen gibt es Tage, an denen wir dieses Land einfach hassen, um es am nächsten, wenn die Straßen erträglich waren, wieder zu lieben. Insbesondere, wenn wir uns vor Augen halten, dass der nächste Schotter zum perfekten Straßenbau ein paar Tausend Kilometer weiter westlich vor dem Ura zu finden ist - ganz Sibirien steht auf Sumpf und Sand! Und die straßenfressenden Winter sind von einer Härte, die wir Mitteleuropäer uns kaum vorstellen können. Dazu haben wir auch ein Handicap: Wir fahren einen blattgefederten Frontlenker - unser guter alter Unimog wäre einige Nummern komfortabler gewesen.

Doch lasst uns auch über die guten Dinge reden! Sind die Strassen auch noch so miserabel, die kleinen Bushaltestellenhäuschen sind immer gepflegt und oft auch hübsch anzusehen. Der Liter Diesel kostet umgerechnet nur EUR 0,70, und unser Dieselverbrauch ist deutlich unter 20 l/100 km gesunken. Achtung EURO4/EURO5-Geschädigte! Es gibt, leider nicht überall, an den großen Trassen zwei Diesel-Qualitäten zu kaufen! Die teurere, hoffentlich bessere trägt den hübschen Namen „Euro-Diesel“. Dass dieser Stoff das Zeug ist, das jüngere Dieselmotoren als Futter benötigen, können wir nur hoffen! Noch läuft unser …! Abends einen Nachtplatz zu finden ist kein Problem, fast immer finden wir ihn an irgendeinem See oder Fluss, den wir uns aus der Karte suchen. Die von uns benutzten OSM-Karten sind übrigens ganz fantastisch!

Unsere Reise führt nun durch die Republik Tatarstan. Dank der Erdölvorkommen ist es eine reiche Republik. Dass die Wirtschaft hier boomt, sieht man deutlich an den erstmals professionellen Straßenbauarbeiten, den modernen Tankstellen und Motels und den vielen neuen Wohnhäusern aus Stein. Aber auch bei den Steinhäusern wurde die Tradition der verzierten Fensterumrahmungen aufgegriffen. Dass hier die Hälfte der Bevölkerung muslimisch ist, können wir auf den ersten Blick nicht feststellen. In den Dörfern sehen wir keine Minarette. Aber eine eigene Sprache haben die Tataren, und sie sind sehr stolz darauf: alle Straßenhinweisschilder sind zweisprachig.

In Ischjewsk etablieren wir uns auf einem bewachten Parkplatz und besichtigen das Kalaschnikow-Museum. Was Herrn Kalaschnikow nun tatsächlich ausgezeichnet hat, bleibt uns leider verborgen, denn alle Exponate sind ausschließlich kyrillisch beschriftet. Dafür sehen wir schrecklich viele Schießeisen, gerne auch vergoldet! Das Café des Museums jedoch entschädigt (hauptsächlich Rolf), denn die ein paar Brocken Englisch sprechende Bedienung ist ganz verliebt in ihn und sehr hilfsbereit bei der Suche nach einem Taxi. Und vom Museumswächter wird Bettina mit Handkuss verabschiedet. Das hat Stil! In der schönen Kirche gegenüber findet gerade eine Messe statt, und wir lauschen verblüfft dem für unsere Ohren absolut professionellen Chor.

Nach einem Tag verabschieden wir uns vom Parkplatzwärter Alexej und setzen unsere Reise über Osa nach Kungur fort. Die Attraktion sind die dortigen Eishöhlen, die wir natürlich besichtigen. Nach nur 30 m durch einen Felstunnel kommen wir in das 5 km lange Höhlensystem – und werden schockgefrostet: von 28 Grad plus auf 4 Grad minus! Gut, dass wir dicke Jacken und Mützen mitgenommen haben. Während des ca. 1,5 km langen Rundgangs sehen wir Eiskristalle an Decken und Wänden, gefrorene Wasserfälle, verschiedene Eisfiguren und einige glasklare unterirdische Seen, denn tiefer im Berg steigen die Temperaturen wieder. So richtig begeistert sind wir jedoch nicht. Aber die kleine Stadt Kungur entschädigt uns. Wir schlendern über Märkte und am Fluss entlang. Kungur war im 17. und 18. Jh. ein Kupferschmelz-Zentrum, was man auf alten Bilder in der Kirche an den vielen Schloten erkennen kann.

Wir befinden uns bereits im Ural, genauer gesagt im Mittleren Ural. Denn die höchste Erhebung hier bei Jekatarinburg – ein Skizentrum – ist nur 562 m hoch. Nein, nicht einmal Mittelgebirgscharakter hat die Landschaft, und als dieser Ski-Hügel vor uns auftaucht, ist er sogar ein Foto Wert. Der Ural erstreckt sich vom Karskoje Meer im Norden bis nach Kasastan im Süden, ist an der breitesten Stelle um Jekatarinburg ca. 50 km breit und erreicht nur im äußersten Süden und Norden Höhen bis zu 1.700 m. Das Gebirge bildet die u. E. ziemlich willkürlich festgelegte Grenze zwischen Europa und Asien, aber die alten Geografen hatten eben nichts Besseres. Es gibt auch eine Markierungstafel an der Straße „Sie verlassen nun Europa, vielen Dank für Ihren Besuch, willkommen in Asien!“ oder so ähnlich. Leider ist die natürlich auch in Kyrillisch, wohl eher unspektakulär, also sind wir daran vorbeigefahren. Wir befinden uns also bereits in Asien. Bis China ist nun nicht mehr weit, nur noch ein paar läppische Tausend Kilometer!

Ischjewsk, Kalaschnikow-Museum  

Mehr Bilder gibt es HIER!!

 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Ischjewsk: Bewachter Parkplatz; N56 52.207 E53 11.267; keine Versorgung, Supermarkt nebenan, etwas laut, gefühlte Sicherheit: hoch

Kungur: Parkplatz vor der Eishöhle; N57 26.363 E57 00.437; keine Versorgung, WLAN im daneben liegenden Hotel, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Unterwegs in Westsibirien

Wir fahren nun durch Westsibirien. Schon tief im Herzen Russlands machen die Verkehrszeichen mit den gigantischen Entfernungsangaben klar, dass wir erst an der Oberfläche gekratzt haben. Die angehügelte Landschaft ist weiten Ebenen gewichen. Riesige Ackerflächen wechseln sich mit Brachland ab. Und schon jetzt können wir feststellen, dass Sibirien erst einmal ein weites flaches Land ist. Aber es gefällt uns. Hinter Ischim wird die Landschaft parkähnlich. Inmitten von saftig grünen Wiesen wachsen kleinere und größere Birkenwälder, die wunderschön mit ihren weißen Stämmen bei seit Wochen herrlichem Wetter weit in das Land leuchten. Und die Straße lässt es heute sogar zu, dass auch Rolf ab und zu mal einen Blick nach rechts und links werfen kann, ohne dass ein Flugunglück passiert. Auf den kleinen Gewässern in den Sümpfen ist ab und zu die „gemeine sibirische Teichente o. ä.“ zu sehen. Neben Elstern und Greifvögeln sehen wir erstaunlich wenige Singvögel – es dominieren auch hier die Nebelkrähen. Die Dörfer gefallen uns - wie von den Großen der russischen Literatur beschrieben, grundsätzlich gepflegt, allmählich auch mit neuer Farbe versehen.

Wir finden immer wieder sehr schöne Nachtplätze, oft neben in Birkenwäldern angelegten Friedhöfen, wo sich Milliarden (früher hätten wir „Millionen“ geschrieben, aber im Zuge der Euro-Krise haben auch wir unseren Sprachgebrauch justiert) von Schmetterlingen tummeln, und der Kuckuck ruft. Der schöne Ruf dieses Vogels begleitet uns schon seit unserer ersten Nacht auf russischem Boden.

Am 1. Juni erreichen wir bei Kutinka den Ik-See. Angler und Seeschwalben versuchen jeder auf seine Art ihr Glück beim Fischen. Am nächsten Morgen erhalten wir von der neben uns zeltenden russischen Familie einen Topf mit Fischsuppe, zubereitet mit Fisch aus dem See. Wieder einmal erleben wir die Gastfreundschaft der Russen. Auch Sprachbarrieren werden nach einigem Hin und Her überwunden, und schließlich versteht man sich durch intensives Aufeinandereinreden.

Immer wieder führt uns die Strasse an den Schienen der Transsibirischen Eisenbahn entlang. Durch acht Zeitzonen führen 9.289 Schienenkilometer einer großen Ingenieursleistung des 20. Jh. und verbinden im größten Land der Erde die Städte Westrusslands mit Wladiwostock am Pazifik.

    In Westsibirien  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Nowosibirsk und Tomsk

Am 4. Juni kommen wir in Nowosibirsk an. Unser Standplatz auf dem Hof des „Russisch-Deutschen-Hauses“ liegt für eine Großstadt ideal. Die Angestellten, insbesondere Lena, Marina und Juri Arngold, sind sehr freundlich und uns eine große Hilfe. Ohne die Deutsch sprechenden Mädels hätten wir die Zahnarztpraxis, die Rolf aufsuchen muss, ergebnislos wieder verlassen müssen. Laut Reiseführer gibt es in Nowosibirsk nur wenig zu sehen und man könne gut und gern am gleichen Tag weiterfahren. Aber uns gefällt die Stadt. Sie ist nicht so hektisch, man kann gemütlich durch die Strassen und hübschen Parks bummeln, Kaffee und Kuchen (Apfelstrudel!) schlemmen und das alles bei angenehmen 30 Grad, nur 20 % Luftfeuchtigkeit und einem leichten Wind. Und es gibt keine Mücken! Die riesige Lenin-Statue auf dem gleichnamigen Platz vor dem Opernhaus mit der silbernen Kuppel dient heute nur noch als Hintergrundmotiv für Juxfotos, ein Beweis für die gewaltigen Umwälzungen, die das Land in den letzten 20 Jahren durchgestanden hat. Die kleine goldbetürmte Kapelle von St. Nicholas auf dem Krasny Prospekt bildet den geographischen Mittelpunkt von Russland. In der Kathedrale der Auferstehung findet gerade eine Trauung statt. Das hindert die Menschen jedoch nicht daran, nach einem uns sehr fremden Ritual mit vielen Kreuzzeichen und Verneigungen zum Beten in die Kirche zu kommen, und auch die Putzfrauen unterbrechen ihre Arbeit nicht. Die Religiosität der Menschen, 80 Jahre lang nur im Untergrund gelebt, wirkt ungezwungen, wie ein sehr selbstverständlicher Bestandteil ihres Lebens.

Nach drei Tagen verabschieden wir uns von Lena, Marina und Juri. Bevor wir wieder reinen Ostkurs einschlagen, machen wir einen Abstecher nach Norden, nach Tomsk. Durch Vermittlung von Juri in Nowosibirsk dürfen wir auch hier im Hof des „Russisch-Deutschen-Hauses“ stehen. Herr Adam und Tatiana, die perfekt Deutsch spricht, führen uns durch den Garten und das Haus, und wir bekommen einen hochinteressanten Abriss über die Russisch-Deutschen Gesellschaften, ihre Geschichte, Aufgaben, Finanzierung etc..

Tomsk, bereits 1604 gegründet, ist eine Reise Wert. Es hat einen großen Bestand wunderschöner alter Holzhäuser. Viele werden gepflegt und erhalten, viele andere sind dem Verfall preisgegeben und unrettbar verloren, da hilft auch das Schild „Kulturobjekt“ nicht. Einige ruhige Seitenstraßen sind noch nahezu vollständig von den reichverzierten Holzhäusern gesäumt und versetzen uns zurück in die Zeit, als Tomsk eine wohlhabende Handelsstadt war. Heute ist sie eine Universitätsstadt mit 5 Universitäten und Hochschulen, von den 500.000 Einwohnern ist jeder fünfte ein Student. Entsprechend jung ist das Stadtbild, und viele neue Wohnhochhäuser sind entstanden, die sich wohltuend vom sowjetischen Plattenbautenstil abheben. Das große Holzhaus des „Russisch-Deutschen-Hauses“ stammt aus dem Jahr 1904 und diente ehemals einer Kaufmannstochter als bescheidene Datscha. 1996, nach dreijähriger Renovierungszeit, ist als staatliche Kultureinrichtung (die Betriebskosten trägt der russische Staat, die Programmkosten das bundesdeutsche Innenministerium) das „Russisch-Deutsche-Haus“ hier eingezogen. Mit dem Manifest der Zarin Katharina II vom 22. Juli 1763: „Verstatten Wir allen Ausländern, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen.“ kamen viele Deutsche ins Russische Reich und blieben. Eine schwere Zeit begann für diese Menschen unter Stalin und insbesondere ab 1941, als Hunderttausende von ihnen in russische Arbeitslager (Gulag) verbannt wurden und all ihr Hab und Gut, oft auch ihr Leben verloren. In einem Museum in Tomsk sind die unzähligen Gulags auf einer Russlandkarte mit roten Punkten gekennzeichnet. Die Zeiten haben sich glücklicherweise hoffentlich vielleicht geändert. Wir drücken Russland und seinen Menschen jedenfalls die Daumen!

Ein Hit ist die Musikgruppe „Phaeton“ des Russisch-Deutschen Hauses. Anlässlich unseres Besuchs geben sie für uns ein Konzert mit deutschen, russischen und internationalen Liedern. Ihr Repertoire reicht vom 13. Jh., in mittelalterlichem Deutsch vorgetragen, bis zu den Beatles. Ein rührendes Erlebnis, wir sind begeistert und spenden viel Applaus. Eine Hörprobe könnt Ihr HIER bekommen! Und wir sind offensichtlich auch eine Attraktion, denn eines Morgens erscheinen zwei Journalisten vom Fernsehsender TB2, interviewen uns, machen Videoaufnahmen und sind mehr an unserem Fahrzeug als an unseren Russlandeindrücken und Reisezielen interessiert. Macht nichts, Hauptsache, wir bekommen die versprochene Kopie des Sendebeitrags!

Der gute alte arme Lenin!  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Nowosibirsk: beim Russisch-Deutschen-Haus; N55 02.031 E82 56.019; Wasser, Toiletten, Waschmaschine (wenn nicht kaputt), etwas laut, gefühlte Sicherheit: hoch

Tomsk: beim Russisch-Deutschen-Haus; N56 28.188 E84 57.856; Wasser, Toiletten, etwas laut, gefühlte Sicherheit: hoch

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Von Tomsk zum Baikal-See

Nach drei Tagen nehmen wir Abschied von Tatiana und Victor Adam und verlassen Tomsk in Richtung Südosten, um schließlich auf der M53 wieder Ostkurs einzunehmen. Die Landschaft hat sich inzwischen geändert. Es ist hügelig geworden, zu den Birkenwäldern gesellen sich auch Nadelwälder – sehr hübsch.
Wir um- oder durchfahren die Städte Marjinsk, Aschinsk, Krasnojarsk und Kansk. Stadtdurchfahrten sind Nervenkitzel, denn wir müssen immer angestrengt weggucken, um die allgegenwärtigen LKW-Verbotsschilder nicht zu sehen. „Lieber Herr Polizist, wir sind kein LKW, wir sind doch ein Wohnmobil!“ Selbst die von uns nicht beherrschte Russischversion dieses Satzes dürfte niemanden überzeugen, aber viele eingesparte Kilometer Stadtumfahrungen auf grottengrottengrottenschlechten Ringstraßen lässt uns das Risiko eingehen – sogar unter den Augen der Polizei sind wir einige Male unbehelligt durchgerutscht! Hinter Krasnojarsk lassen wir uns am 4.090 km langen Jenissej nieder. Baden!? Njet!! Das Wasser ist so kalt wie der Fluss lang ist!

Am 16. Juni erreichen wir Irkutsk. Die Stadt hat ca. 500.000 Einwohner und ist Ostsibiriens quirliges Handels- und Administrationszentrum. Wir nutzen sie nur zum Ergänzen unserer Lebensmittel- und Trinkwasservorräte und sind froh, als wir aus dem auffällig aggressiven Verkehr heraus und wieder aufs Land kommen. Dazu eine Augenzeugin aus M in D: „Wir stehen in einem Riesenstau, zwei Spuren in unsere Richtung. Eine Ambulanz mit Blaulicht und Sirene muss ebenfalls in unsere Richtung fahren. Notgedrungen weicht sie auf die etwas weniger dicht befahrenen Spuren des Gegenverkehrs aus. Sofort hängt sich eine Traube von 50 Fahrzeugen hinter sie und drängt den Gegenverkehr gnadenlos auf den Seitenstreifen ab!“ Es geht zunächst weiter nach Nordosten, und die Landschaft verändert sich schlagartig. Die Wälder sind verschwunden, und weites flaches Land breitet sich vor uns aus, Wiesen mit Rinder- und Pferdeherden; Steppenlandschaft - ein erster Vorgeschmack auf die Mongolei. Was uns Reisende bis hierher verblüfft hat, ist, dass wir 5000 km tief in Asien stehen, es aber bisher nicht finden konnten! Himmel, schließlich sind wir schon an den Kaukasus-Republiken, am Iran, an Afghanistan, an Pakistan, Indien und beinahe auch schon an Singapur vorbeigefahren, und alles um uns herum ist wie zu Hause – na ja, fast! Russland ist eben ein von einer europäischen Zentralmacht zusammengeklau(b)tes Kolonialreich, und nichts machte das deutlicher, als das Unasiatische! Und kaum haben wir diesen Gedanken ausformuliert, erblicken wir in einem Dorf die Statue eines mongolischen Reiters! Am Straßenrand sehen wir nun immer häufiger kleine buddhistische und schamanische Kultstätten. Wie in Tibet werden hier Gebetsbänder an die Gestelle gebunden und kleine Opfergaben hinterlassen. Wir sind endlich in Asien angekommen, im Land der den Mongolen verwandten Burjaten, die in erstaunlichem Maße wieder zu ihrem alten Glauben zurückfinden.

Bei Bajandas biegen wir nach Osten ab in Richtung Sachjurta,  wo sich der Fähranleger zur Baikal-See Insel Olchon befindet. Und schlagartig verändert sich die Landschaft erneut. Wir überqueren die Primorksy Hrebet-Berge auf einem 1000 m hohen Pass durch eine traumhafte schwarzwaldähnliche Landschaft. Und dann endlich sehen wir den Baikal-See vor uns liegen. Ein großes Zwischenziel haben wir endlich, nach 7725 Straßenkilometern, erreicht.

Unterwegs auf der M53  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Die Insel Olchon wird für die nächsten Tage unsere Bleibe sein, doch darüber im nächsten Bericht mehr.

Viele Grüße, Bettina & Rolf (Russland, Baikal-See, im Juni 2012)