Lieber Wellblechpiste als Schreibtisch!!
Im Selenga-Delta
       
  Vom Baikal-See zur mongolischen Grenze    
   
   
   
   
    
   
   
     

     
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Russland - Juni 2012

Baikal-See - die Insel Olchon

7.725 Straßenkilometer hinter Maschen erreichen wir Russlands bekanntesten See, den Baikal. Er liegt auf einer Höhe von ca. 500 m auf dem Gebiet der Regionen Irkutsk und Burjatien und ist von bis zu 2.600 m hohen Bergen umgeben, auf denen auch jetzt noch Schneereste liegen. Mit einer maximalen Tiefe von 1.637 m ist es der tiefste See der Welt und beinhaltet fast 1/5 des nichtgefrorenen Süßwassers der Erde, mehr als Nordamerikas fünf Grosse Seen zusammen. Der See misst von Nord nach Süd 636 km, die breiteste Stelle beträgt 79 km. Das kalte Wasser des Sees (zur Zeit ca. 10 Grad) hat einen starken Einfluss auf das lokale Klima und damit auf Flora und Fauna: Bei Sonnenschein ist es herrlich warm, sobald aber die Sonne hinter Wolken verschwindet, fallen die Temperaturen abrupt auf ca. 15 Grad.

Insgesamt bleiben wir drei Wochen am Baikal-See, davon zwei Wochen auf der Insel Olchon, auf die wir mit einer kostenfreien Fähre in nur 15 min übersetzen. Die Insel liegt Nord-Süd in der Mitte des Sees nahe der tiefsten Stelle. 72 km ist sie lang und maximal 15 km breit. Nur ca. 1.500 Menschen leben hier, die meisten im Hauptort Chischir. Olchon ist ein Zentrum des Schamanismus, viele Einwohner folgen diesem Glauben, und das erste, das uns auffällt, sind die vielen mit bunten Gebetsfahnen behängten Bäume und Felsen.

Unser Standort ist zunächst der südliche Teil der Insel, und wir fühlen uns durch die sanfte, hügelige, baumlose Graslandschaft und die Steilküsten auf eine Nordatlantik-Insel versetzt. Die Flechten auf den Felsen und die Steinmännchen erinnern uns an Island. Zwar sind die Flechten nicht so schön bunt wie dort, dafür sind die Steinmännchen hier um einiges höher. Über die kalten Wassermassen des Sees wehen kühle Winde mit teils heftigen Böen, eine richtige Wetterküche, die uns Patagonien in Erinnerung bringt. Manchmal jedoch kommt ein warmer, fast fönartiger Wind von Süden, ein Abgesandter der mongolischen Steppen. Der östliche Teil der Insel ist bewaldet, die höchste Erhebung erreicht hier 1.274 m, mit einigen versteckten, romantischen Seen. Dünen gibt es hier auch, die für uns jedoch (nach der Rub al-Khali) ein Fliegenschiss sind, aber ein wenig im Sand spielen kann Rolf trotzdem.

Das glasklare, teils türkisfarbene Wasser lädt optisch zum Baden ein, aber nur 10 Grad – brrr…. nein danke! Statt dessen entspannen wir uns, genießen die fahr- und rüttelschüttelfreie Zeit, lesen viel, machen lange Spaziergänge, auf denen sich hinter jedem Hügel neue wunderschöne Ausblicke eröffnen. Richtige Wanderer könnten sich hier wochenlang austoben. Wunderschön sind die jetzt überall blühenden Pflanzen, die sich in der kurzen warmen Jahreszeit (im September beginnt schon wieder der Winter) beeilen müssen. Für Liebhaber/-innen von Steingartengewächsen ist es ein El Dorado. Die Tierwelt ist eher mager. Einige Möwen, Kormorane, hübsche Enten und Gänse und Singvögel sind zu sehen. Umso mehr freuen wir uns über die vielen possierlichen kleinen Erdmännchen. Wir werden nicht müde, sie zu beobachten. Und sogar die selten anzutreffende Nerpa-Robbe, der Welt einzige Süßwasserrobbe, bekommen wir vom Steilufer aus zu sehen – für ein Foto leider viel zu weit entfernt. Trotz der Kälte des Wassers ist der See sehr fischreich, und es wird überall geangelt und mit Netzen gefischt. Der berühmte, nur hier beheimatete Omul-Fisch wird, kalt oder heiß geräuchert, überall angeboten. Heiß geräuchert schmeckt er uns am Besten.

An unserem ersten Standplatz an einer wunderschönen Bucht oberhalb der Steilküste stößt nach zwei Tagen die diesjährige geführte „Seabridge“-Asientour, eine bunt gemischte Gruppe aus 22 Wohnmobilen, zu uns. Der äächte Reisende rümpft bei „geführt“ natürlich die Nase, wir aber lernen mit Reiseleiter Arthur und seiner Truppe viele nette und interessante Menschen kennen, mit denen wir uns einige Tage lang prächtig verstehen. Großzügig, wie sie sind, werden wir sogar zu zwei ihrer Veranstaltungen eingeladen: Bei der ersten handelt es sich um den Auftritt eines Schamanen, der uns vieles über den Schamanismus erzählt, alles auf Russisch, von Arthur übersetzt.

Verstanden haben wir, dass der Schamanismus weltweit eine der ältesten praktizierten Religionen ist. Nach 80 Jahren Unterdrückung wird er hier im fernen russischen Osten zunehmend wieder ausgeübt, oft auch von Menschen, die sich von den sog. großen Weltreligionen einschließlich der russischen Orthodoxie nicht mehr angezogen fühlen. Der Schamanismus kennt keine großen Bücher, keine Glaubenssätze/Gebote, keine Institutionen und auch keinen übermächtigen Gott. Basis ist der Glaube an die beseelte Natur und die Vorstellung von einer Verbindung zwischen Diesseits und Jenseits. Im Mittelpunkt steht einzig der Schamane, der verantwortlich für das Wohlergehen seiner Gemeinschaft ist und Naturheilmittelarzt (in schwierigen Fällen verweist er seine Patienten an die Schulmedizin), Psychotherapeut, Wahrsager, Priester und Politiker in sich vereint. Er ist der Mittler zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen unserer Welt und der Welt der Geister und Ahnen. Unser bunt gekleideter und mit Ketten und Orden behängter, durchaus nach Hokuspokus aussehender Schamane verblüfft uns erst einmal mit einem halbstündigen Vortrag über Russlands Verhältnis zu anderen europäischen Großmächten während der letzten 1000 Jahre. Dann folgt ein vergleichender Vortrag über die großen Weltreligionen und ihre Abgrenzung zum Schamanismus. Unser Mann hat nämlich, so erfahren wir, in Moskau studiert! Schließlich trägt er eigene Gedichte vor und animiert uns zu gemeinsamen Tanz und Gesang und zum Stellen von Fragen. Nach anfänglichem Zögern sind alle dabei. Ein interessanter Nachmittag, den wir den „Seabridge“-Leuten verdanken.

Eine zweite Einladung bekommen wir zum gemeinsamen Hammelfleischessen, für das ein armes zerstückeltes Tier in einem großen Topf von Einheimischen geköchelt wird. Neben dem recht fetten Fleisch gibt es viele Innereien. Bettina probiert eine Art Blutwurst, möchte aber nicht über die Zutaten aufgeklärt werden. Rolf versucht sich an dem Fleisch und stellt fachmännisch fest, dass das Tier bereits 250.000 Steppenkilometer auf dem Tacho hatte. Es ist ein schöner gemeinsamer Abschlussabend, denn die Gruppe wird morgen nach fünf Tagen die Insel zur Weiterreise verlassen. Wir jedoch bleiben, erkunden eine weitere Woche die Insel und genießen jeden Tag aufs Neue, bis auch wir nach zwei Wochen wieder aufs Festland übersetzen.

  Auf Olchon  

Mehr Bilder gibt es HIER!!

 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Vom Baikal-See zur mongolischen Grenze

Wir fahren noch einmal nach Irkutsk, um in einer MAN-Werkstatt die Stoßdämpfer unseres Fahrzeugs überprüfen zu lassen – diese elende Hüpferei muss doch eine Ursache haben! Hat sie: die Straßen! Die Dämpfer sind in Ordnung! Dieser Zwangsaufenthalt gibt uns die Gelegenheit festzustellen, dass die auf den ersten Blick wenig attraktive Stadt durchaus ihre sehenswerten Seiten hat. Es ist Sonntag und wenig Verkehr, das Wetter ist schön und wir promenieren entlang der Angara, die den Baikal-See letztendlich ins Eismeer entwässert. Am Abend sitzen wir auf der Terrasse eines Restaurants und trinken bei sommerlichen Temperaturen – das Kälteloch des Sees liegt 70 Kilometer weiter östlich - japanisches Bier, schließlich ist es nicht mehr so weit bis Tokio. Hier lernen wir ein Schweizer Paar kennen, das mit der Transib von Moskau nach Ulan Bataar unterwegs ist: Vier Tage dauert die Fahrt mit kurzen Unterbrechungen an Bahnhöfen, wo Einheimische fertig zubereitetes Essen anbieten. Im Zug wird ständig heißes Wasser zum Zubereiten von Getränken oder Suppe zur Verfügung gestellt. Das erinnert uns an die kürzlich gelesene Autobiographie von Agatha Christie, die darin u. a. ihre Reise mit der Transib im Jahr 1932 schildert. Schon damals bekam man immer heißes Wasser, musste dies allerdings in einem eigens dafür mitgebrachten Kessel beim Lokführer abholen. Das ist heute sicher bequemer gelöst, aber der Service ist offensichtlich geblieben.

Wir verlassen Irkutsk, umrunden das wenig attraktive Südende des Sees und lassen uns für zwei Tage im wunderschönen breiten Delta des Selenga-Flusses nieder, der hier, aus der Mongolei kommend, in den Baikal-See mündet. Über Ulan-Ude geht es nach Kjachta, wo wir die Grenze zur Mongolei überqueren.

    Irkutsk  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Irkutsk: Bewachter Parkplatz des Hotels Intourist; N52 16.910 E104 16.443; alle Versorgungen in der Umgebung, gefühlte Sicherheit: hoch

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


 

Wie schon nach unserer ersten Russlandreise in 2005 verlassen wir mit Bedauern das Land. Russland ist für uns fremdartig und warmherzig zugleich. Das Verhältnis zwischen Russen und Deutschen ist bis in die Gegenwart und bis in die winzigsten Dörfer hinein ("Ah, Girmanija!") spürbar ein besonderes. Das Land hat so viel Geschichte und könnte uns noch so vieles erzählen, was wir nun alles nicht mehr erfahren werden. Doch wir müssen nach nun zwei Monaten nach vorne, genau genommen nach Süden, in die Mongolei schauen, und darüber erfahrt Ihr im nächsten Bericht mehr.

Bis dahin viele Grüße, Bettina & Rolf (Mongolei, Ulan Bataar, im Juli 2012)