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Mongolei, Gobi
       
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Mongolei - Juli/August 2012

Der Norden - von der russischen Grenze nach Ulaan Bataar

Am 7. Juli reisen wir in die Mongolei ein, ein Land, viermal so groß wie Deutschland, mit nur knapp 3 Mio. Einwohnern, von denen die Hälfte in der Hauptstadt Ulaan Bataar lebt. Der Viehbestand ist enorm, ca. 40 Mio. Ziegen, Schafe, Rinder, Yaks, Pferde und Kamele gibt es, wobei Ziegen und Schafe die Mehrheit ausmachen. Der letzte Pferde-Zensus (2007, es gab keinen Widerstand seitens der Pferde ;-)) brachte es an den Tag: Auf einen Mongolen, vom Baby bis zum Greis, kommen allein 13 (in Worten: dreizehn) Pferde!

Die Mongolei liegt in Zentralasien und grenzt im Norden und Westen an Russland und im Süden und Osten an China. Topografisch ist die Mongolei ein Hochplateau- und Hochgebirgsland. Die ganze Zeit unserer Reise befinden wir uns auf einer Höhe zwischen 1.000 und 2.300 m. Es gibt ca. 4.000 Flüsse und 3.500 Seen, von denen viele in niederschlagsarmen Zeiten austrocknen. Wir lernen eine unglaubliche Vielfalt an Landschaften kennen. Neben Wüstensteppen, Fels- und Geröllwüsten sowie Sanddünen und Sumpfgebieten sehen wir fruchtbare, unbeschreibbar weite Täler, bizarre Gebirgsketten und wunderbar sanfte Hügellandschafen. Eines jedoch haben alle Landschaften gemeinsam: Die grenzenlose Weite und die scheinbar unberührte Natur, sieht man mal von den Folgen der Beweidung und der Befahrung mit Motorfahrzeugen ab.

Wie wir bald feststellen, ist die Mongolei kein Land, in dem man von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten fährt. Hier stimmt es: Der Weg ist das Ziel! Und auf diesen, oft sehr mühsamen Wegen entdecken wir immer wieder Landschaften, die wir so noch nie gesehen haben, und Verweilplätze, die das eigentliche "Ziel" an Schönheit weit übertreffen. Die Wege von A nach B sind wirklich mühsam, die Entfernungen sind riesig, und die Beschaffenheit der Strassen und Pisten eine einzige Katastrophe. Könnt Ihr Euch erinnern, wie wir über Russlands Strassen geschimpft haben? Wir entschuldigen uns in aller Form und nehmen alles zurück! Im Vergleich mit den mongolischen sind sie einfach „wunderbar“. Das Reisen ist daher äußerst beschwerlich und lässt manchmal die Schönheiten der Natur darunter leiden. Das ist schade, aber wir passen uns an und fahren eben nicht so weit. Tagesetappen von 100 km gehen als „Heute haben wir ja richtig was abgerissen!“ in unsere Annalen ein! Nur 50 oder 60 km sind nichts Ungewöhnliches. Es fällt uns deshalb auch überhaupt nicht schwer, Verständnis dafür zu entwickeln, dass wir auf diesen Asphaltkrümeln (die Mongolei hat doch glatt 2.200 km davon, bei einer Landesgröße von, wie gesagt, vier Mal Deutschland) des öfteren Straßenbenutzungsgebühren zahlen müssen. Uns fällt auf, dass wir immer dann zahlen müssen, wenn die Strecke besonders übel wird und vermuten, dass es eine getarnte Abenteuergebühr ist (das Land hat im internationalen Vergleich eine der höchsten Wertschöpfungen aus dem Tourismus). Denn für Straßenbauarbeiten wird das durch Minenaktivitäten zunehmend ins Land kommende Geld ganz offensichtlich nicht genutzt. Die Mongolen scheint der schlechte Straßenzustand nicht zu beeindrucken. Sie donnern auch mit hoffnungslos überladenen PKWs über die Pisten, als wären sie auf einer super Autobahn unterwegs. Dass sie dann am Straßenrand mal wieder ein Radlager oder eine Steckachse wechseln müssen, gehört zum Alltag.

Unser erster Besuch gilt dem kleinen Ort Dalaankhaan unweit der russischen Grenze, wo der letzte noch aktive Bogenbauer der Mongolei, Herr Boldbaatar seine Werkstatt hat. Die Bögen von Meister Boldbaatar sollen weltweit zu den feinsten gehören. Er spricht nur mongolisch, erklärt uns jedoch anschaulich die Grundzüge der Herstellung eines Komposit-Bogens, für die er 6 Monate benötigt. Das erklärt den Preis von US$ 350,- für so ein edles Stück!

Von hier aus ist es nicht mehr weit (aber – siehe oben; Rumpel, Rumpel) zum einstmals grandiosen Amarbayasgalant-Kloster, das wir abseits in einer idyllischen Bergregion besuchen. In den 1930ern Jahren, als der buddhistische Klerus sich dem aus der Sowjetunion importierten Sozialismusmodell widersetzte, fegte auf Befehl Stalins ein Feuersturm über die 700 Klöster der Mongolei hinweg. Zigtausende von Mönchen wurden ermordet oder nach Sibirien verbannt. Das Amarbayasgalant-Kloster ist eines der wenigen, das nicht vollständig dem Kloster-Sturm zum Opfer fiel; 10 von insgesamt 37 Tempeln blieben erhalten, Teile der Anlage wurden seit Mitte der 1970ern mit UNESCO-Mitteln wieder aufgebaut.

Eine mongolische Familie, die als Gläubige, nicht wie wir als Tourist, das Kloster besucht, ist so freundlich, uns in einige buddhistische Rituale einzuweihen. Vor dem Tempeleingang erhalten wir Räucherstäbchen, die wir anzünden und in ein Steingefäß legen. Das umrunden wir dreimal im Uhrzeigersinn, wichtige Wünsche leise murmelnd. Rings um den Haupttempel herum sind Gebetsmühlen aufgehängt. Wieder im Uhrzeigersinn geht man nun um den Tempel herum an den Gebetsmühlen vorbei, dreht jede einzelne, natürlich im Uhrzeigersinn und äußert dabei einen Wunsch, der dann in Erfüllung gehen soll. Mehrfache Äußerung eines Wunsches ist zulässig. Wir machen alles richtig – und nun werden wir ja sehen ….! Vor dem Tempel befindet sich ein größeres, innen hohles Steingebilde mit mehreren Öffnungen, das, so erfahren wir, eine Gebärmutter symbolisiert. Man soll nun an der Nordseite hineinkriechen, sich innen dreimal im Uhrzeigersinn um die eigene Hochachse drehen, durch ein kleines Loch an der Oberseite hinaussehen und nach Süden wieder hinauskriechen. Danach sei man neu geboren. Wir sehen mit Erstaunen, wie eine Dame mit erheblichem Leibesumfang das schafft! Wir jedoch beschließen aus Rücksichtnahme auf unsere feine Safari-Kleidung, dieses Ritual auszulassen.

Unser erster Eindruck von den Mongolen: Sie sind ganz anders als ihre russischen Nachbarn. Wenn wir einem Russen zuwinkten, ernteten wir in der Regel erst einmal nur einen misstrauisch-abweisenden Blick. Hier wird wieder zurückgewunken, gelacht und gegrüßt, und die Zurückhaltung der Russen ist einer deutlichen Aufgeschlossenheit, um nicht zu sagen, einer hemmungslosen Neugier allem Fremden gegenüber gewichen. In den nächsten Wochen wird häufiger jemand in unserem Wagen stehen und einen neugierigen Blick in unseren Toilettenraum geworfen haben, bevor wir uns von unserer Verblüffung erholt haben.

Einige Kilometer abseits des Klosters machen wir zum ersten Mal in Nomadenland Camp, sehen zum ersten Mal hautnah den Umgang der hier im Norden meistens berittenen Hirten mit ihren Herden. Ja, es ist System dahinter, wenn der Hirte die Herde, die, wie von einem Magnet angezogen, ohne menschliches Zutun immer langsam zur Stamm-Jurte zurückwandert, durch Treiben in immer neue Ausgangspositionen dazu bringt, den Talgrund streifenweise abzuweiden. Nach einigen Nächten in der offenen Steppe entwickeln wir auch ein äußerst gutes Sicherheitsgefühl. Solange kein Alkohol im Spiel ist (was leider in der Mongolei manchmal der Fall ist), sind die offenen Steppen für den Reisenden ein sicheres Revier. Das trifft auf die größeren Orte, insbesondere aber Ulaan Bataar, ganz bestimmt nicht zu, und deshalb bleibt unser ganz persönlicher Sieger als „sicherstes Land der Welt“ unverändert der Oman.

  Ovoo am Wege zum Amarbayasgalant-Kloster  

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Ulaan Bataar und Umgebung

Für die Mongolei haben wir in Deutschland nur ein 30-Tage-Visum bekommen. Wir wollen aber zwei Monate bleiben, und da die Visa-Verlängerung innerhalb der ersten 7 Tage nach der Einreise geschehen muss, zwingt uns das bald nach Ulaan Bataar. Dort können wir problemlos und zügig bei der Immigration in der Nähe des Flughafens die Verlängerung vornehmen, die für uns beide US$ 173,- für weitere 30 Tage kostet. Viel Geld, nachdem schon die Erst-Visa kein Preisschlager waren, aber konsistent zur mongolischen Tourismuspolitik: Wer 2 Monate im Land bleibt, wird pro Tag weniger Geld im Lande lassen, als der organisierte 2 Wochen-Urlauber. Also muss man dem Langzeit-Hippie das Geld schon im Vorwege abnehmen. Es ist schon spät geworden, und auf dem Parkplatz vor der Immigration lernen wir drei junge deutsche Paare kennen, die gerade aus China kommen und später nach Russland weiterreisen werden. Die Mongolen sind unkompliziert, deshalb machen wir auch gleich Camp auf der großen Wiese neben der Immigration, um am Abend bei Bier und Glühwein (es ist kühl geworden!) Erlebnisse auszutauschen.

Ulaan Bataar, die Hauptstadt der Mongolei, ist eine unattraktive Stadt. Ärmliche Außenbezirke, eine scheinbar planlos zusammengewürfelte Innenstadt, die Straßen in einem so desolaten Zustand, dass sie sich bei Regen in mittlere Ströme verwandeln und ein einziger gigantischer Verkehrsstau mit einer enormen Luftverschmutzung. Eine Oase ist jedoch das “Oasis-Guesthouse“, wo wir gemeinsam mit anderen Autoreisenden im Innenhof stehen. Es ist alles sehr eng, geradezu gemütlich und ständig muss rangiert werden, wenn jemand hinein- oder hinausfährt, aber die Stimmung ist gut, und unter Reisenden gibt es immer viel zu erzählen. Und Sybille und René, denen das Guesthouse gehört, und ihre Mitarbeiter sind immer freundlich und sehr hilfsbereit. Es gibt ein Restaurant mit sehr gutem Essen, einen Waschservice, den wir intensiv nutzen und gute Sanitäranlagen.

Wir bleiben einige Tage in der Stadt, u. a. um unsere China-Reise neu zu organisieren, da wir von unserer chinesischen Reiseagentur erfahren haben, dass unser Tibet-Besuch endgültig nicht genehmigt wurde. Das bedeutet, dass auch unsere Zweitpässe mit den China-Visa, wie eigentlich von uns erwartet, noch nicht in Ulaan Bataar vorliegen können. Wir müssen die Reiseroute neu festlegen, die geänderte Route muss wieder genehmigt werden, dann erst kann unsere Visa-Agentur in Berlin unsere Visa bei der chinesischen Botschaft beantragen und uns die Pässe zuschicken. Wir werden später noch einmal nach Ulaan Bataar zurückkommen müssen, um die Pässe abzuholen. Das ist zwar sehr ärgerlich, aber nicht zu ändern - so ist eben das Reiseleben. Wir nutzen die Zeit zwischen den intensiven Mail-Austauschen mit China und Berlin, um Museen und Tempel der Stadt und den angeblich größten Markt Asiens, den „Schwarzen Markt“ zu besuchen. Hier kann man außer Lebensmittel und Viecher alles kaufen, von Kleidung über Wäscheklammern, Jurtenzubehör, Wohnzimmereinrichtungen, Autozubehör, Pferdezubehör bis zu solar-angetriebenen Gebetsmühlen.

Im Naherholungsgebiet von Ulaan Bataar, im Terelj-Nationalpark am Fluss Tuul, wo wir auch die Seabridge-Gruppe kurz wiedertreffen, lernen wir das mongolische Campingleben kennen. Die Stadt erstickt an ihrem eigenen Nadaam-Fest, und wie viele Mongolen flüchten auch wir ins Grüne. Die Großfamilien kommen mit ihren für die Insassenzahl viel zu kleinen Fahrzeugen, es wird ein Teppich ausgebreitet, Feuer gemacht, Essen zubereitet, und das Vergnügen kann beginnen! Besonderen Spaß scheint es den Männern zu bereiten, mit ihren PKWs den Fluss zu durchpflügen oder auch stecken zu bleiben und anschließend, nachdem sie jemand aus der misslichen Lage befreit hat, durch Schlammlöcher zu brettern. Dabei sind alle freundlich und versuchen, sich so gut es geht mit uns zu verständigen. Ca. 30 km östlich des Parks befindet sich ein 40 m hohes Denkmal zu Ehren Dschingis Khans. Der berühmteste Mongole aller Zeiten sitzt hoch zu Ross mit angeblich bösem Blick nach Südosten, nach China gerichtet, denn China, nicht Russland ist der Angstgegner der Mongolen - schließlich gehörte die Mongolei noch bis 1921 zu China ....! Im Inneren des Denkmals steigen wir über eine extrem enge Treppe zum Kopf des Pferdes hinauf und sinnieren über Ursachen und Wirkungen von Paniken, denn der Besucherandrang ist enorm, und Mongolen neigen dazu, ihre Ellbogen bei Bedarf sehr herzhaft einzusetzen. Von oben haben wir einen herrlichen Ausblick auf die Landschaft und können dem Recken in die stahlharten Augen schauen.

  Dschingis Khan-Denkmal östlich Ulaan Bataar  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Ulaan Bataar : Immigration Office; N47 51.139 E106 46.884; keinerlei Versorgung, Verkehrslärm, gefühlte Sicherheit: hoch

Ulaan Bataar : Guesthouse "Oasis"; N47 54.706 E106 58.857; Toiletten, Duschen, Restaurant, Verkehrslärm, gefühlte Sicherheit: hoch

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Zentralmongolei - Kharkhorin und der Khorgo Terkhiin Tsagaan Nuur-Nationalpark

Wir können in Ulaan Bataar nichts weiter erledigen oder beschleunigen. Berlin hat die neue genehmigte Reiseroute erhalten und muss nun die Visa beantragen, anschließend unsere Pässe hierher schicken. Die werden nicht vor Ende August hier sein, somit haben wir 4 Wochen Zeit, uns im Land umzusehen. Auf unserem Weg nach Westen besuchen wir zunächst den Khustain-Nationalpark und haben das Glück, einige der letzten ca. 200 noch lebenden, hier wieder ausgewilderten Wildpferde der Welt zu sehen, die sog. Przewalskipferde. In der Bergregion Khogno Khan führt uns eine wunderschöne Wanderung durch farbenprächtige blühende Wiesen zu den Ruinen einer einstmals riesigen buddhistischen Klosteranlage aus dem 17. Jh. An den Ruinen machen wir Rast unter einem Baum, der mit blauen Khadags (Seidentücher) behangen ist. Nach den schamanistischen Vorstellungen können außergewöhnliche Bäume Sitz von Erdgeistern sein, und Schamanismus und Buddhismus sind in der Mongolei eine besonders innige Verbindung eingegangen. Von hier oben reicht der Blick hinunter ins Tal bis zu den Dünen von Mongol Els. Dort in den Dünen sehen wir später auch wieder Kamele, die mit dem Doppelherzen – ääh, -höcker. Wir bewundern ein kleines Mädchen, dass mit unglaublichem Geschick so einen Zossen (Sagt man das auch bei baktrischen Kamelen? Wir bitten um Antwort per Mail!) reitet und nach ihrer Nase tanzen lässt!

In Kharkhorin besichtigen wir die Klosteranlage Erdene Zuu, deren einst 60 (!) Tempel bis auf drei verbliebene unter Stalin zerstört wurden. Tempel, in Erdene Zuu sowohl in chinesischer als auch tibetischer Architektur erbaut, gehören heute wieder zum täglichen mongolischen Leben. Es wird gerade eine Hochzeit zelebriert, und die Anwohner strömen herbei und reichen die in Seidentücher verpackten Geschenke in den Tempel hinein. Direkt hinter dem Kloster lag einst Kharakhorum, unter Dschingis Khans Nachfolger im 13. Jh. für kurze Zeit die Hauptstadt des mongolischen Weltreiches. Heute ist bis auf eine Schildkröte aus Stein, die wohl einst als Sockel für eine Säule diente, nichts mehr von der Stadt zu sehen, denn Erdene Zuu wurde aus ihren Trümmern errichtet. Es ist mehr das Wissen um die Historie des Ortes als Bauzeugnisse, die Ehrfurcht heischen, und unser Nachtplatz unter den 108 Stupas der Klosterumfassungsmauer ist auch atmosphärisch einfach grandios!

In der Provinzhauptstadt Tsetserleg decken uns noch einmal mit Lebensmitteln und Wasser ein. In der von außen unscheinbaren, kaum zu findenden Markthalle gibt es ein hinreichend reichhaltiges Angebot, auch an Obst und Gemüse, aber keinen für europäische Mägen geeigneten Käse. Auch totgeschlagenes Frischfleisch gibt es hier, aber das haben wir schon seit langer Zeit nicht mehr gekauft und werden auch hier darauf verzichten, denn auch mit geräucherter Wurst lassen sich leckere Gerichte zaubern.

Um weiter nordwestlich in den Nationalpark Khorgo Terkhin Tsagaan Nuur, am Nordrand des Khangayn-Gebirges, zu gelangen, müssen wir zunächst eine Holzbrücke über den Fluss Terkh überqueren. Laut Hinweischild ist sie für 5 t ausgelegt. Wir inspizieren die nicht sehr Vertrauen erweckende Brücke, wagen es trotzdem, denn es gibt keine Alternative - der Fluss ist zu tief und reißend. Wir können bestätigen, dass die Brücke eine Sicherheitsreserve von 100 % hat! Der Park besitzt neben der grandiosen Landschaft zwei besondere Attraktionen: einen erloschenen Vulkan und den Terkhin Tsagaan Nuur, den "Weißen See". Die knochenharte Felspiste zum Vulkan ist materialmordend, unser armes Auto! Die Mongolen? Selbst mit PKWs donnern sie über die kantigen Felsen. Auspuff, Front- und Heckschürzen? Alles überflüssiger Zierrat! Weg damit (und der Wunsch wird ihnen von der Piste erfüllt)! Wir besteigen den Vulkan, aber der Blick in den Krater haut uns nicht um. Die Ausblicke auf die fantastische Landschaft aus erstarrter Lava entschädigen uns. Hier auf den Gebirgsweiden treffen wir vermehrt auf Yaks, die für diese Klimazonen wie geschaffen sind, denn mit ihrem dichten, langhaarigen Fell überstehen sie Temperaturen bis zu -50 Grad, genügend Futter vorausgesetzt! Es macht uns Spaß, diese so urzeitlich und tollpatschig wirkenden Tiere, die unglaublich agil sind, herumtollen zu sehen. In ihren Herden ist immer was los. Kein Vergleich zu den langweiligen und blöden Kühen! Am See finden wir schnell einen herrlichen Standplatz für die nächsten Tage. Zeit zum Entspannen, Lesen, Wäschewaschen und für Wanderungen. Überraschend treffen wir hier Stephani und Nico wieder, die wir in Ulaan Bataar an der Immigration kennen gelernt haben. Ein willkommener Anlass, eine Flasche Wein aus den Tiefen unseres Weinkellers zu köpfen und Erlebnisse auszutauschen.

  Kharkhorin - die Umfassungsmauer des Erdene Zuu-Klosters  
Mehr Bilder gibt es HIER!!
 

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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Kharkhorin: an der Ostseite des Erdene Zuu-Klosters; N47 12.013 E102 50.804; keine Versorgung, ruhig, gefühlte Sicherheit: hoch

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Der Süden - Gobi 1

Wir verlassen den Park, und zurück in Kharkhorin wenden wir uns nach Süden. Viele Berge an unserem Weg sind mit Ovoos bekrönt, Steinsetzungen, die zur Huldigung lokaler Geister und Gottheiten errichtet wurden. Dieser Brauch geht zurück auf den uralten schamanistischen Glauben, dass Himmel, Erde, Berge, Bäume, Felsen, Gewässer etc. Wohnstätten von Geistern und Gottheiten sind. Diese Ovoos werden mit bunten Stoffstreifen und Opfergaben versehen, mal Bonbons, Zuckerwürfel, Wodkaflaschen (meistens leer, man muss es mit dem Opfern ja nicht übertreiben), kleine Geldscheine oder winzige mit Solar angetriebene Gebetsmühlen. Wir jedenfalls halten gern an, gehen dreimal im Uhrzeigersinn um den Ovoo herum und legen einen weiteren Stein oder Bonbon dazu. Und hoffen, dass uns die Geister nun für den Rest der Reise wohlgesonnen sind.

Weiter südlich wird es allmählich trockener und die Vegetation spärlicher. Und dann befinden wir uns tatsächlich schon in der Gobi-“Wüste“, ein äußerst vielschichtiger Landstrich von, zumindest für Schafe, Ziegen und Kamele noch nutzbaren, Weiden bis zu reinen Dünengebieten. Wüste, öde, leer? Nein, „die (Gobi-)Wüste lebt“, wie schon Walt Disney in seinem gleichnamigen wunderbaren Film gezeigt hat, und sie bietet ein ungeheures Spektrum: Von bizarren Gebirgsketten über sanfte Schnittlauch-begrünte Hügel, von steinigen, trockenen Geröllebenen über blühende Weiden bis zu nassen, schlammigen Senken, von atemberaubend weiten Talebenen bis zu engen Schluchten, in denen auch im August noch Eis liegt. Gut, soweit der ästhetische Teil, nun zum Praktischen: In Guchin-Us müssen wir zunächst einen schlammigen Fluss durchqueren, denn die Brücke ist tatsächlich nur für kleine Fahrzeuge geeignet. Durch heftige Regenfälle in den letzten Wochen, von denen wir schon gehört haben und die nichts Gutes verheißen, ist er stark angestiegen und die Furt am anderen Ufer nicht zu erkennen. Nervenkitzel – und durch sind wir! Auch - und das hatten wir so nicht erwartet – sind riesige Wüstensteppenareale grün und zwar von …… wildem Schnittlauch, der mal weiß, rosa oder violett blüht!! Der starke Duft dieser Pflanze begleitet uns von nun an ständig. Wer kann schon von sich sagen, auf einer grenzenlosen blühenden Schnittlauchwiese gecampt zu haben? Es ist einfach traumhaft schön. Nicht so traumhaft sind die vielen breiten, zig Kilometer langen, schlammigen Senken, die nach dem Regen vollgelaufen sind, von hängengebliebenen LKWs blockiert werden und durch die wir hindurch müssen, wollen wir nicht umkehren. Wir haben es immer geschafft und sind Gott sei Dank nie stecken geblieben, aber unser Auto sieht entsprechend aus. In den äußerst wenigen kleinen Orten am Weg können wir dank der Brunnen, aus denen sich auch die Bewohner versorgen müssen, immer unseren Wassertank auffüllen. Wir riskieren nie, Oberflächenwasser zu verwenden. Diesel gibt es auch, wenn die Tank-LKWs nicht mal wieder festsitzen – siehe oben! Es empfiehlt sich, eine Reserve für mindestens 800 km dabeizuhaben! Nur die Versorgung mit Obst und Gemüse ist extrem dürftig bis nicht vorhanden. Dafür ist das Angebot an Süßigkeiten, darunter vieles aus Deutschland (“Schoko-Rosinen“), und Alkohol umso größer!

Um von Bodg weiter in den Süden zu gelangen, müssen wir das Arts Bogdyn-Gebirge überqueren, was nicht ganz einfach ist. Es geht über steinige Pisten, enge Schluchten, aber meistens durch zum Glück trockene Flussbetten. Die Flusswindungen sind für unseren Wagen oft zu eng. Aber endlich einmal “hilft Viel viel“: Unsere enorme Bodenfreiheit ermöglicht uns, über viele Hindernisse einfach hinwegzufahren. Wir werden mal wieder ordentlich durchgeschüttelt, etwas, woran man sich nicht wirklich gewöhnen kann. Das Stricken während der Fahrt hat Bettina längst aufgegeben. Hinter dem Gebirge erwartet uns eine nicht enden wollende steinige Ebene mit gelegentlichen Kamelherden, und schließlich erreichen wir die uns nicht wirklich begeisternden, nichtsdestotrotz berühmten Dünen von Khongoryn Els. Vor einem der traurigen Touristen-Jurten-Camps an den Dünen steht ein Kamel aus Stein mit einem Geweih, denn: “Das Kamel besaß ursprünglich ein Geweih. Eines Tages kam der Hirsch, noch ohne Geweih, und bat das Kamel, ihm das Geweih für eine Party auszuleihen. Er würde es am nächsten Tag zurückbringen - was die linke Socke bis heute nicht getan hat! Seit diesem Tag richtet das Kamel seinen Blick mürrisch in die Ferne und wartet darauf, dass der Hirsch das Geweih endlich zurückgibt.“

Wir suchen uns einen schönen Platz in den Dünen, aber in der Nacht bis in den nächsten Morgen hinein gewittert und regnet es sehr heftig. Die Temperaturen sind auf 14 Grad gesunken, und die Dünengipfel hängen in den Wolken – ein ungewöhnlicher Anblick! Gezwungenermaßen brechen wir unsere Zelte ab – wir befürchten nicht ganz ohne Grund, bei noch mehr Wasser vom Himmel einfach nicht mehr rechtzeitig nach Ulaan Bataar zurückzukommen! Die Fahrt entlang der Dünen nach Osten ist schlammig, die von Wasserläufen zerstörte Piste nur mühsam zu befahren. Durch die Feuchtigkeit müssen Millionen von Mücken geschlüpft sein, die sich nun erbarmungslos auf uns stürzen - zum Glück unser einziges Mückenproblem in der ganzen Mongolei. Wir erreichen schließlich das bis zu 2.800 m hohe Gurvan-Saikhan-Gebirge, den östlichen Ausläufer des Gobi-Altai. Und hier auf 2.300 m Höhe befindet sich die Yolyn Am, die "Geierschlucht". Nach 10 km Fahrt auf schmaler Piste in die Schlucht lassen wir das Auto stehen und gehen zu Fuß weiter durch den immer enger werdenden, von steilen Felswänden gesäumten Einschnitt, in dem tatsächlich noch ein Rest Eis vom letzten Winter liegt. Auch ist die Schlucht das Zuhause von Tausenden kleiner Nager, mehrheitlich von niedlichen, gar nicht scheuen Hamstern, deren Fiepen plötzlich durch die Schlucht hallt, als ein Greifvogel über uns hinwegfliegt. Er entfernt sich, also gibt es Entwarnung. Die Geierschlucht wird von uns kurzerhand in Hamsterschlucht umbenannt und gefällt uns so gut, dass wir zwei Tage bleiben. Danach verlassen wir das Gebirge und wenden uns wieder nach Norden.

  Gobi - nach dem großen Regen  
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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Der Süden - Gobi 2

Nach mehreren Tagen erreichen wir die Sandsteinklippen von Bayanzag, die bei untergehender Abendsonne ein flammendes Rot annehmen. Das veranlasste den Paläontologen Roy Chapman Andrews, der in den 1920ern hier die ersten Ausgrabungen durchführte, ihnen den Beinamen „Flaming Cliffs“ zu geben. Mr. Andrews interessierten seinerzeit Dinosaurier-Fossilien, die er hier äußerst reichhaltig fand. Er fand hier auch die ersten fossilen Gelege der Urechsen, seinerzeit eine Sensation. Und so begeben auch wir uns auf Dino-Suche und - werden sehr schnell fündig! Unglaublich! Überall liegen mächtige Knochenfragmente herum - das müssen bannig große Viecher gewesen sein! Sollten wir vielleicht einen davon oder ein „kleines“ Ei als Gartendekoration mitnehmen? Lieber nicht! Zu groß und schwer und natürlich streng verboten! An Lebendem sind hier hübsch gemusterte Eidechsen und lustige Käfer unterwegs. Einige Käfer lassen sich unbemerkt in der Öffnung unserer Dachluke nieder und fallen nachts in unsere Betten, was wir gar nicht lustig finden. Bayanzag heißt übersetzt „reich an Saxaul“. Und tatsächlich ist dieser bis zu 2 m hohe knorrige, salzresistente Strauch, der eine wichtige Rolle bei der Bodenbefestigung und als Windschutz übernimmt, hier reichlich vertreten. Kleine, uns unbekannte Nagetiere und der Saxaul-Sperling fühlen sich hier wohl.

Während unserer Weiterfahrt nach Norden regnet es nachts wieder, und die vermeintlich feste Oberfläche ist trügerisch, denn darunter befindet sich der reinste Schlamm. Nochmals setzen wir den Reifendruck herunter, entkommen trotzdem einige Male nur knapp dem Einsacken. Nach vielen Kilometern erreichen wir endlich eine höher gelegene, trockene Ebene, und große Kamelherden kreuzen wieder unseren Weg. 40 km vor Mandalgov gelangen wir auf den Ulaan Bataar-Dalanzadgad-Highway. Ihr denkt jetzt wohl, Highway bedeutet eine gepflegte Autobahn. Falsch. Der Highway ist ein mindestens 5 km breites 10-spuriges Pistenbündel, nur übles Wellblech und höllische Verwerfungen. Wir versuchen, möglichst auf Nebenpisten auszuweichen. Oft spuren wir im freien Gelände unsere eigene Piste.

Wir brauchen mal wieder einige rüttelfreie Tage. Bestens dafür geeignet ist das Gebiet um die Granitfelsen von Baga Gazryn Chuluu, um das sich einige Legenden ranken. So soll Dschingis Khan (natürlich) hier mit seinen Kriegern gelagert haben. Und Zanabazar, Oberhaupt der mongolischen Buddhisten im 17. Jh., soll hier Schutz während der damaligen Wirren gesucht haben. Und so ist der Ort zu einer Pilgerstätte für die Mongolen geworden, was auch die zahlreich vorhandenen Ovoos erklärt. Außerdem ist es eine wunderschöne Landschaft mit Möglichkeiten zu ausgedehnten Spaziergängen, auf denen wir zum ersten Mal Murmeltiere beobachten können. Und natürlich sind auch unsere Freunde, die Hamster, hier und – hamstern! Was angesichts der abrupt gefallenen Temperaturen, nachts haben wir Null Grad, auch sehr sinnvoll ist. Der Sommer ist in diesem Teil der Welt so gut wie gelaufen.

4 Wochen nach unserem Start kehren wir nach Ulaan Bataar zurück. Unsere Pässe mit den China-Visa sind tatsächlich eingetroffen! Wir werden unseren Mongolei-Bericht fertig und ins Netz stellen, uns neu verproviantieren und dann langsam auf den Weg zur chinesischen Grenze machen, wo wir am 3. September unseren Führer zu treffen hoffen. Auch Nicol und Renato werden wir dort wiedertreffen und die Reise durch China wieder gemeinsam fortsetzen, nachdem jeder auf eigene Faust die Mongolei “erobert“ hat.

  Dino-Knochen? Hier, bitte!  
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Die Nachtplätze dieses Reiseabschnitts in chronologischer Reihenfolge; alle Koordinaten WGS84:

Buschnachtplätze; gefühlte Sicherheit: hoch


Die Mongolei war für uns ein Paradies mit einigen deutlichen Macken. Wir haben die schönen Seiten genossen, uns aber an den harschen Kanten auch so intensiv gerieben, dass wir uns nun auf ein neues Land, auf China freuen. Wir freuen uns auch, der nun langsam hier Einzug haltenden Kälte durch eine Absetzbewegung Richtung Äquator entgehen zu können! Hinsichtlich China sind wir immer noch äußerst skeptisch, nachdem es im Vorfeld so viele Probleme gegeben hat. Wir glauben erst, dass alles geklappt hat, wenn wir es erfolgreich wieder verlassen haben! Im nächsten Bericht können wir Euch mehr darüber berichten, und bis dahin wünschen wir Euch einen schönen sonnigen Herbst,


Bettina & Rolf (Ulaan Bataar/Mongolei, im August 2012)