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China
       
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China - September bis November 2012

Nordchina

Nach über zwei Monaten hat uns China wieder auf freien Fuß gesetzt, und mit lange vergessen geglaubter Muße stellen wir diesen Bericht im vergleichsweise unglaublich entspannten Laos ins Netz. Doch der Reihe nach:

An der mongolischen Grenze in Zamyl wartet bereits am sehr frühen Morgen eine 5 Kilometer lange Lkw-Schlange auf die Abfertigung. Sind wir ein Lkw? Natürlich nicht, und nach einigem Bitten und Betteln dürfen wir auch ohne Bakschisch noch vor dem ersten (Fracht-)Lkw in den Grenzbereich einfahren. Die Passkontrolle ist reibungslos und auf Nachfragen erhalten wir auch das sog. „Car Manifest“, ein Dokument, von dessen Existenz unsere chinesische Reiseagentur uns erst ganz kurz vor unserer Abreise aus Ulaan Bataar in Kenntnis gesetzt hat. Dieses Dokument ist insofern von Bedeutung, als der darin nach Angaben des Fahrzeughalters vom mongolischen Zoll eingetragene Fahrzeugwert vom chinesischen Zoll ohne weiteres Nachfragen zur Berechnung der (von der Reiseagentur) zu hinterlegenden Fahrzeugzollkaution verwendet wird. Der offizielle Fahrzeugwert muss also frühzeitig in Abstimmung mit der Agentur festgelegt und konsistent durch alle mongolischen Dokumente (wo anzugeben) durchgeschleift werden! Danach entlassen uns die Mongolen, und nur 1 km weiter kommen wir zur chinesischen Grenzabfertigung in Erenhot. Was für ein Unterschied zu den staubigen Bruchbuden auf der mongolischen Seite: durchgestylte Abfertigungsgebäude in gepflegten Gartenanlagen, hochglänzende Natursteinböden, chromglänzende Riesenlettern an den Wänden (vermutlich „Willkommen in China!“), Toilettenräume aus „Schöner Wohnen“ - ein Kulturschock! Hier erwartet uns bereits unsere junge chinesische Reiseführerin Frl. Guo. Bei der Pass- und Autokontrolle gibt es mit ihrer Unterstützung keine für uns erkennbaren Probleme, und bereits nach 2 Stunden dürfen wir den Grenzbereich verlassen und zu einem von den Behörden vorgeschriebenen Hotel rollen. Hinter dem Grenzbereich folgt Kulturschock Teil II: die einzige Straßenverbindung zwischen Ulaan Bataar und der chinesischen Grenze war eine üble Piste, und plötzlich schweben wir auf perfektem Asphalt im fahrerischen Himmel – was für ein dramatischer und – wie wir nach 70 Tagen China wissen - perfekt inszenierter Auftakt! Denn alle, die nach China kommen, sollen zu allererst einmal beeindruckt werden! Zwei Tage müssen wir in dem Hotel (auf dem Hotelparkplatz, denn wir schlafen immer in unserem Wagen) bleiben, bis die letzten Formalitäten in der 300 km entfernten Provinzhauptstadt erledigt sind, und erst jetzt sind wir tatsächlich in China, im „Reich der Mitte“ angekommen.

Rolf besuchte als Backpacker China bereits 1981, 5 Jahre nach Maos Tod, und er war einer der ersten Individualtouristen, die aufgrund Deng Xiaopings Politik der „Reform und Öffnung“ ins Land gelassen wurden. Die meisten Menschen sahen zum ersten Mal eine „Langnase“, hatten Angst, Unterkunft zu gewähren oder Bahnfahrkarten zu verkaufen. Es war ein sehr hartes, aber auch ungemein exotisches Reiseabenteuer hinter dem „Bambusvorhang“. 30 Jahre später dieses Land noch einmal zu bereisen, ist für ihn natürlich ein ganz besonderes Erlebnis – und wird doch wohl viel einfacher geworden sein, oder?

Zunächst führt uns unsere Reiseroute in Beijings Umgebung, anschließend nach Beijing selbst. Unsere erste Erkenntnis: der innerchinesische Tourismus ist eine extrem boomende Großindustrie. Nie müssen wir eine Sehenswürdigkeit mit weniger als gefühlten 10.000 bis 100.000 Chinesen teilen! Und da wir zahlreiche Sehenswürdigkeiten (insgesamt 33!) im Reiseplan haben, haben wir uns doch auch schnell an das Bad in der Menge gewöhnt, oder?! Erkenntnis Nr. 2: ein Durchschnittsmitteleuropäer ist für solche Menschenmassen nicht gemacht! Es erfordert eine dauernde Geistesleistung, die plärrenden Megafone der unzähligen Reisegruppen, die extrem lautstarken Unterhaltungen in den Reisegruppen (wofür brauchen die Chinesen eigentlich Mobiltelefone?), das Gedränge, Gerotze und Gespucke (haben sich die Chinesen in den letzten 30 Jahren nicht wirklich abgewöhnt) auszublenden, um sich auf die Sehenswürdigkeit zu konzentrieren. Vielleicht ein Tempel? Ruhe, Einkehr, Besinnung? Oh Mann!

Manchmal hilft unsere Geheimwaffe gegen die Touristeninvasionen: Wir übernachten nämlich sehr oft auf den Parkplätzen vor den Sehenswürdigkeiten, die wir am Abend vorher anfahren, so dass wir morgens unter den ersten Besuchern sind. Das klappt besonders gut an der „Grossen Mauer“ bei Mutianyu. Der Bau dieses 8.000 km langen Schutzwalls gegen die kriegerischen Nomaden des Nordens begann ca. 215 v. Chr., und er wurde im Laufe der Zeiten immer wieder restauriert und erweitert. Wie ein lebendiges Wesen, wie eine Riesenschlange folgt die Mauer in einer grandiosen Landschaft den Rücken, Graten und Tälern der nordchinesischen Berge. Die Ausblicke auf Mauer, Treppen und Wachtürme sind atemberaubend. Gerade hier merken wir, dass die Sehenswürdigkeiten erlaufen und/oder erklettert werden müssen - was wir gerne als sportliche Herausforderung annehmen! Nach dem Besuch der Ming-Gräber, in denen 13 Kaiser der Ming-Dynastie (1368 bis 1644)  ihre letzte Ruhestätte fanden, geht es nach Beijing, eine Metropole von über 15 Mio. Einwohnern - und keineswegs Chinas größte! Von unserem Standplatz auf dem Parkplatz des Ramada-Hotels am 6. (!) Ring fahren wir mit Bus und Metro ins Zentrum. Das Metro-System ist perfekt aufgebaut, so dass es auch für uns „Langnasen“ keine Probleme mit der Orientierung gibt. Bei Platzangst sollte man allerdings die Metro meiden, denn die durchgeschleusten Menschenmassen sind einfach gigantisch – eine logistische Meisterleistung, die erstaunlich diszipliniert abläuft. Wir sind beeindruckt! Der Besuch der „Verbotenen Stadt“ und des berühmt-berüchtigten „Platzes des Himmlischen Friedens“ ist für uns genauso wichtig wie das Bummeln durch die kleinen Straßen um die „Verbotene Stadt“ herum mit ihren alten Vierteln. Einen ganzen Tag verbringen wir auf dem riesigen 290 ha großen Gelände des „Sommerpalastes“, bestaunen Tempel- und Gartenanlagen, die überwiegend unter der Kaiserin Cixi (1835 bis 1908) errichtet wurden und die so schöne Bezeichnungen wie „Garten der Tugend und Harmonie“, „Halle des Wohlwollens und der Langlebigkeit“ oder „Tempel des Meeres der Weisheit“ tragen. Bevor wir Beijing nach viel zu wenigen 2 Tagen zunächst nach Westen, später nach Süden verlassen, decken wir uns im Diplomatenviertel in einem Supermarkt, der westliche Lebensmittel führt, mit reichlich leckerem Käse ein, denn die von zu Hause mitgebrachten Vorräte sind fast erschöpft.

Wir kommen nun in die Provinz Shaanxi. Die Luft ist zum Schneiden, und die Sicht beträgt vielleicht noch 800 m, denn dies ist Chinas Kohle-Provinz. Die Minen und die daneben stehenden Kohlekraftwerke blasen ungeheure Mengen Dreck in die Luft. Gigantische Lkw-Flotten transportieren den schwarzen Stoff von den Minen zu den weiter entfernten Kraftwerken und überziehen die Straßen und deren Nachbarschaft mit einer schwarzen Schmiere. Gleichzeitig jagt eine Sehenswürdigkeit die nächste. Wir haben richtig Besichtigungsstress, sind aber noch am Anfang der Reise und wollen nichts verpassen. Die in den Sandstein gehauenen Grotten von Yungang und Longmen, deren Bau bereits im Jahre 453 begann, vermitteln uns einen ersten Eindruck der buddhistischen Kunstwerke Chinas, die zu unserer Überraschung heute wieder von zahlreichen Gläubigen verehrt werden. Im kleinen, in einem Talkessel des bis zu 3.000 m hohen Wutai Shan-Gebirges gelegenen Ort Taihuai bleiben wir zwei Tage, um uns einige der zahlreichen Tempel anzusehen, deren Entstehung bis ins 9. Jh. zurückgeht. Die Bedeutung der buddhistischen, daoistischen oder konfuzianischen (Glaubensrichtungen, denen über lange Zeitabschnitte gleichzeitig gehuldigt wurde) Darstellungen bleibt für uns weitgehend verwirrend. Wir erfreuen uns also einfach an den teils farbenprächtigen Kunstwerken, machen ausgedehnte Spaziergänge und gewöhnen uns langsam daran, dass wir „Langnasen“ auch eine Attraktion sind und immer wieder angesprochen und fotografiert werden.

Weiter südlich bei Taiyuan gefällt uns die in einem wunderschön angelegten Park erbaute Tempelanlage Jinci Si. Auch bei Hochzeitspaaren, die sich hier vor einem landesweit bekannten Hintergrund ablichten lassen, ist der Park beliebt. Es ist zur Zeit „en vogue“, nach westlichem Vorbild in westlicher Hochzeitskleidung in einer Kirche (!) zu heiraten! Das Fest mit der Familie wird jedoch weiterhin traditionell chinesisch gefeiert.

In der alten Ming-Stadt Pingyao, deren Anfänge ins 14. Jahrhundert zurückreichen, und die noch von einer imposanten, vollkommen intakten Stadtmauer umgeben ist, bleiben wir einige Tage und erkunden die autofreie Altstadt mit ihren historischen Hofhäusern und Tempeln. Obwohl alles sehr touristisch ist, genießen wir das zwanglose Herumbummeln und die fahrfreie Zeit.

Denn das Fahren auf Chinas Strassen ist sehr nervig und nichts für jemanden, der auf die gute alte Straßenverkehrsordnung nicht verzichten kann. Das Verhalten aller Verkehrsteilnehmer, vom Fußgänger bis zum Trucker, ist chaotisch, und zwar überall, ob in kleinen Ortschaften oder in großen Städten oder auf Überlandstraßen. Im Grunde macht jeder, was er will und verhält sich nach dem Prinzip: Ich sehe nichts, also trage ich keine Verantwortung. Soll doch der andere aufpassen! Ein Jurist würde vermutlich von „Dauernötigung“ sprechen. Wir müssen ständig auf der Hut sein, was eine ziemliche Konzentration bedeutet. An diese sture, arrogante und extrem rücksichtslose Verhaltensweise können wir uns bis zum Schluss nicht gewöhnen. Es wundert uns nicht, dass China mit seinen Verkehrstoten den Weltrekord hält! Einige Eindrücke vom Geschehen auf Chinas Straßen bekommt man HIER.

Trotzdem bleiben wir natürlich nicht am Straßenrand stehen und gelangen schließlich zum allen Jüngern der Kampfkünste wohlbekannten Shaolin-Kloster. Shaolin = „junger Wald“ ist der Name des hier beheimateten Kampfkunstordens. Der berühmteste seiner Mönche ist der indische Mönch „Boddhidarma“, der im Jahre 523 hierher kam und Konzentrationsübungen entwickelte, aus denen das Shaolin-Boxen (Kung Fu) hervorging. Die Zeit der Kloster-Einsamkeit und -Abgelegenheit am heiligen Berg Song Chan ist allerdings lange vorbei. Hochverschärfter Kommerz beherrscht die Anlage mit seinen vielen teuren Kung Fu-Schulen, in denen betuchte Eltern ihre Sprösslinge aufpolieren lassen. Mehrmals täglich wird auf dem Tempelgelände eine Kung Fu-Show gezeigt, die wir vorzeitig verlassen - es ist halt alles Geschmacksache.

  Datong - Yungang-Höhlen  

Mehr Bilder gibt es HIER!!

 

Zentralchina

Ein absolutes Highlight ist der Besuch der Terrakotta-Armeen bei Xian. Sie wurden erst 1974 entdeckt, und die Ausgrabungen dauern immer noch an. Über 7.000 lebensgroße, ursprünglich einmal farbig bemalte Figuren aus Lehm, die vor über 2.200 Jahren geschaffen wurden, um das Grab des Kaisers Qin Shi Huangdi zu bewachen, sind zu bestaunen. Die unterschiedlichen Details in Kleidung und Gesichtsausdrücken sind fantastisch. Wir sind mehr als beeindruckt! Überhaupt – den geschichtsstolzen Europäer irritiert schon einigermaßen, immer wieder erfahren zu müssen, dass diese Statuen aus dem Jahre 200 v. Chr. stammen, die erste Volkszählung 20 n. Chr. stattfand, jene buddhistischen Höhlen kurz nach der Zeitenwende begonnen wurden, etc.! Da saßen unsere heimischen Stämme noch auf den Bäumen und schnitzten bestenfalls Keulen! In der 4 Mio.-Stadt Xian (nach chinesischen Verhältnissen also nur eine eher mittelgroße Stadt) finden wir tatsächlich einen erstaunlich ruhigen Standplatz neben der „Kleinen Wildgans-Pagode“ in einem Park unweit des Stadtzentrums. Das quirlige Leben in den Gassen des Muslimischen Viertels ist einfach herrlich. Hier gibt es allerlei höchst exotische Esswaren zu kaufen. Wir halten uns zur Vorsicht lieber an leckere Teigtaschen, Trockenfrüchte, frischen Granatapfelsaft und Riesenradieschen.

Wir verlassen Xian und fahren durch die wunderschöne Landschaft des Qingling-Gebirges und erreichen schließlich die Provinz Sichuan. Die Autobahnen verlaufen auf hoch über dem Talgrund auf Stelzen stehenden Brücken oder durch enorm lange Tunnel, von denen wir im Laufe der Reise noch sehr viele mehr durchfahren werden. Chinas Autobahn- und Eisenbahninfrastruktur ist phantastisch, und ihr Aufbau in nur 20 bis 30 Jahren muss aufgrund der überwiegend gebirgigen Topografie ein Volksvermögen gekostet haben. Dafür kostet dann die Benutzung der Straßen auch ein Privatvermögen: Wir zahlen für ca. 8200 km (alle Straßenkategorien) umgerechnet 570 EUR Maut! Bei den sogenannten Staatsstraßen, Straßen 2. Ordnung, ist das Bild schon differenzierter. Es gibt hervorragend ausgebaute Abschnitte, aber auch nicht enden wollende 30km/h-Abschnitte, die nichtsdestotrotz ebenfalls mautpflichtig sein können.

Die herausragenden Sehenswürdigkeiten Sichuans sind die Panda-Aufzuchtstation in Chengdu, der „Große Buddha“ in Leshan, die Grotten von Dazu und die Flussfahrt auf dem Yangtze. Unser Eintreffen in Chengdu ist verbunden mit den beginnenden Feierlichkeiten zum Nationalfeiertag zum Gedenken an die Gründung der Volksrepublik China 1949. In diesem Jahr, das Jahr des Drachen, sind es neun Feiertage. Das bedeutet noch mehr Verkehr, noch mehr Touristen und Kamikaze-Fahrer auf den Autobahnen. Denn anlässlich der Feiertage ist die Autobahnbenutzung kostenfrei, und 130 Millionen (10 % der chinesischen Bevölkerung werden dem Mittelstand zugerechnet, und der Mittelstand hat ein Auto) Autofahrer, die aus Kostengründen niemals die schnellen Autobahnen benutzen, probieren Highspeed-Hakenschlagen auf dem wunderbaren Asphalt! Na, wir machen das Beste daraus. Viele Stunden verbringen wir bei den „Großen Pandas“, die freilebend nur in China vorkommen. Aber wie fast alle wilden Viecher in China sind auch sie vom Aussterben bedroht, da ihr Lebensraum sich ständig verkleinert. Es wird uns nicht langweilig, die Tiere, die sich ausschließlich von einer bestimmten Bambusart ernähren (ca. 15-30 kg pro Tag), zu beobachten. Der Weg nach Leshan führt uns auf Staatsstrassen durch Dörfer und fruchtbares Ackerland mit vielen Reis- und Lotusfeldern. Lotus wird meist mariniert als Gemüse überall auf den Märkten angeboten. In vielen Dörfern befinden sich in großen Lettern Parolen an den Häuserwänden: „Mädchen sind ebenso viel wert wie Jungen“. Denn auf dem Lande ist auch heute noch der Junge das begehrtere Kind wegen seiner vermeintlich höheren Arbeitskraft. In den Städten haben sich die Verhältnisse erstaunlicherweise umgekehrt! Hier muss der Bräutigam ein Dach über dem Kopf in die Ehe einbringen, denn der Traum eines jeden Chinesen, der gemäß der Tradition eine gemietete Wohnung nicht als sein Heim betrachtet, ist etwas Eigenes. In Anbetracht der schwindelerregenden Preise für Wohneigentum ein unmögliches Unterfangen für einen jungen Mann. Von den vielen Eigentumswohnungen in den riesigen bienenstockartigen Wohntürmen, die überall in den Himmel schießen, stehen 30 % leer, da sie für viele unerschwinglich sind. Und - es werden viel zu wenige Sozialwohnungen gebaut, was bereits zu Protesten der Bevölkerung geführt hat. Also müssen, soweit sie können, die Eltern des Bräutigams einspringen, was deren Altersersparnisse oftmals schwinden lässt. Also doch lieber ein Mädchen als Kind! Während unserer Reise durch ländliche Gebiete können wir beobachten, wie hart Frauen und Männer arbeiten müssen. Und was auch ältere Menschen noch leisten müssen, ist bedauerns- bis bewundernswert. Wir erfahren, dass viele junge Menschen als Wanderarbeiter vom Land in die Städte ziehen. Ihre Kinder lassen sie bei den Großeltern zurück, da das Leben in der Stadt zu teuer ist. Auch Eltern, die sich bereits im Rentenalter befinden, arbeiten oft weiter, nur um ihre Kinder zu unterstützen.

Seit wir in China sind, haben wir selten die Sonne, dafür aber viel Smog zu sehen bekommen, und auch an den Grotten bei Dazu erwartet uns kein gutes Wetter. Aber immerhin können wir sie fast regenfrei besichtigen. Die teils noch farbigen Skulpturen zeigen Elemente der drei klassischen chinesischen Glaubensrichtungen Konfuzianismus, Daoismus und Buddhismus, die oft eine harmonische Melange eingegangen sind, und denen oft sogar gemeinsam in einem Tempel gehuldigt wurde und – man höre und staune – inzwischen wieder gehuldigt wird!

In der 35 Mio.-Stadt Chongqing lassen wir unser Fahrzeug für fünf Tage auf einem Parkplatz zurück und begeben uns auf eine Yangtse-Flusskreuzfahrt. Das Wetter ist auch hier nicht gut, und unsere Begeisterung hält sich in Grenzen. Dennoch genießen wir die fahrstressfreie Zeit und den fantastischen Service an Bord. An unserem „internationalen Tisch“ lernen wir sehr nette Mitreisende aus Deutschland, Dänemark und Australien kennen und haben Spaß an den interessanten Gesprächen, denn alle haben sich vor der Reise eingehend mit dem Land beschäftigt. Jens, ein Deutsch sprechender chinesischer Führer an Bord, versorgt uns ständig mit Informationen: Der 6.830 km lange Yangtse ist nach Amazonas und Nil der drittlängste Fluss der Welt. Die 2800 km lange schiffbare Strecke beginnt bei Yibin und endet in Shanghai. Die Fahrt durch die tief eingeschnittenen „Drei Schluchten“ war bis zum Bau (1993 bis 2009) des 2,3 km langen und 185 m hohen „Drei Schluchten Staudammes“ wegen der starken Strömungen und Stromschnellen sehr gefährlich. Der Bau war und ist ein sehr umstrittenes Projekt, und interessanterweise distanzierten sich bereits die letzten Regierungen vorsichtig von ihm. Der Wasserspiegel liegt nun 175 m höher als früher, 1,13 Mio. Menschen wurden umgesiedelt, 800 historische Stätten liegen heute unter Wasser, nur wenige wurden versetzt oder mit Schutzdämmen umgeben. Die verminderte Fliessgeschwindigkeit in dem 650 km langen Stausee führt zu vermehrter Sedimentablagerung (ach!), und an einigen Stellen gleicht die Wasseroberfläche einem Müllplatz. Kommentar von Jens: „“Wir sind hier ja nicht am Bodensee“! Aber auch die Vorteile sind zu nennen: Die jährliche Stromerzeugung von 85 Mrd. kWh ist enorm, die Hochwassergefahr ist gebannt und die Schiffstransporte tief ins Landesinnere wurden enorm erleichtert. Nach dem Passieren der 5-stufigen Doppelschleuse neben dem Staudamm, das mehrere Stunden dauert, verlassen wir das Schiff und fahren mit dem Zug durch eine wunderschöne Landschaft in 10 Std. zurück nach Chongqing. Wir haben uns für den Zugschaffner einen Zettel auf Chinesisch schreiben lassen: „Bitte sagen Sie uns, wenn wir in Chongqing eintreffen!“ Das ist auch nötig, denn die chinesischen Schriftzeichen sind und bleiben ein Buch mit 7 Siegeln für uns.

  Leshan - der Große Buddha  
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Südchina

Über Fenghuang in der Provinz Guangxi, mit seiner hübschen kleinen Altstadt am Fluss, erreichen wir nach einigen Tagen Fahrt durch sehr schönes, teils bergiges Land die „Drachenrücken-Reisterrassen“ von Ping An. Drei Tage bleiben wir hier und erkunden auf den zahlreichen Wegen die schöne Umgebung und die Dörfer der hier in traditionellen Holzhäusern lebenden Minderheiten Zhuang und Yao. Dann geht es entlang des Li-Flusses durch die für diese Region berühmten Karstlandschaften weiter Richtung Süden über Guilin nach Yangshuo. Durch Kalksteinauswaschungen entstanden schmale hohe Türme, riesige Kegel oder dichte "Steinwälder". Unter der Erde formten und formen Sickerwasser und Flüsse riesige Höhlensysteme mit bizarren Tropfsteinformationen. Diese wunderschöne Landschaft lernen wir nun in den nächsten 10 Tagen ausführlich kennen und genießen, und wir können bestätigen, dass der Ruhm ihr zu Recht vorauseilt. Ob während langer, ruhiger Spaziergänge entlang des Li-Flusses durch Schatten spendende Bambushaine, auf Flussfahrten, bei Höhlenbesichtigungen, bei Wanderungen durch den Steinwald Shi Lin oder an den Wassserfällen von Huangguoshu. Und endlich wird uns auch gutes Wetter beschert. Obwohl Yangshou sehr touristisch ist, fühlen wir uns im Ort für einige Tage sehr wohl. In Lucy’s Café gibt es köstlichen Apple Crumble, leckeres  Essen und kühles chinesisches Bier. Wir empfehlen dieses kleine Restaurant jedem, der sich hierher verirrt - bei Lucy bekommen wir das beste Essen Chinas. Wobei gesagt werden muss, dass wir nicht sehr oft in Restaurants essen. Für unseren Geschmack ist es meistens viel zu scharf und vor allem viel zu fett.

Wir kommen nun in der Provinz Yunnan, verbringen 2 Tage in Kunming mit seinem hübschen (Haus-)Tiermarkt und machen anschließend einen Abstecher nach Nordwesten zur auf 2.000 m gelegenen Altstadt Dali am Er Hai-See. Vor dem bis zu 4.000 m hohen Gebirgszug Cang Shan im Westen der Stadt stehen die San Ta, die Drei Pagoden, das Wahrzeichen Dalis. In den vier Tagen, die wir in Dali bleiben, erkunden wir die Altstadt, die Umgebung und entspannen uns. Wir empfehlen in Dali das „Café 88“ in der Bo Ai Lu, denn neben der sehr freundlichen Bedienung gibt es leckeren Kuchen. Und, man glaubt es kaum, diverse „westliche“ Käsesorten. Unsere Herzen schlagen höher, und trotz horrender Preise schlagen wir erbarmungslos zu. Das sichert nun unseren (zum Frühstück unverzichtbaren) Käsebedarf für die nächsten 3000 km! In einer Bäckerei bekommen wir sogar Walnuss- und Melonenkernbrot, und der touristenfreie Morgenmarkt bietet eine reichhaltige Auswahl an Obst und Gemüse.

Nun geht es endgültig auf die letzten Kilometer nach Süden zur laotischen Grenze. Vorbei an Pu’er mit seinen Teeplantagen gelangen wir zum Elefanten-Reservat Sanchahe bei Jinghong. 50 Elefanten sollen hier noch leben und von erhöhten Wanderwegen und vom Sessellift aus gut in dem unter uns liegenden Dschungel zu beobachten sein. Wir sehen Elefanten jedoch nur in einer Art Zirkusvorstellung, die wir zügig wieder verlassen. Wir übernachten auf dem Parkplatz und werden nach Einbruch der Dunkelheit plötzlich aufgefordert, unseren Wagen neben das Eingangsgebäude umzusetzen. Zuerst sind Elefantenwilderer die Quelle der Bedrohung, nach Intervention unseres Führers könnte uns ein weißer Elefant gefährlich werden! Ha, wir wären ja froh, wenn wir den zu sehen bekämen! Es gibt hier nur einen weißen Elefanten, und das ist ein MAN aus Maschen! Bereits vor einigen Tagen haben wir den Wendekreis des Krebses überschritten und befinden uns nun in den Tropen. Da wir außerdem auf dem Wege nach Menglun in der Region Xishuangbanna viele Hundert Meter Höhe verloren haben, ist nun auch das Klima entsprechend geworden, nämlich heiß und feucht. Aber die Nächte sind mit ca. 20 Grad immer noch angenehm. In dieser Region gibt es die letzten Urwälder Chinas. Wir besuchen den wunderschön angelegten, mit 1,1 ha größten Botanischen Garten des Landes mit seinen 13.000 tropischen und subtropischen Pflanzen und bestaunen einmal mehr die fantastische Formen und Farben, welche die Natur hervorbringen kann. Bei Mengla blicken wir - Gott sei Dank schwindelfrei - von dem 40 m hoch in den Bäumen angebrachten „Baumweg“ auf den unter uns liegenden Dschungel, der aber keineswegs den Blick auf die am Horizont ausufernden Kautschuk-Plantagen versperrt …...

Am nächsten Tag legen wir die letzten 70 km auf chinesischen Straßen zur Grenzstadt Mohan zurück. Wie schon Erenhot ist es wieder so ein herausgeputzter Ort, der ausländischen Besuchern gleich zu Beginn ihres Besuches Chinas Überlegenheit vermitteln soll. Dank der Vorbereitung durch unsere Reiseagentur sind die hausgemachten immensen administrativen Hürden in einer Stunde überwunden: zwei Ausreisestempel in unseren Pässen, zwei flüchtige Blicke in unseren Wagen, Abschied von unserem Führer – Laos wartet. Wobei festzuhalten ist, dass wir nach nur einer weiteren Stunde bereits in Laos eingereist sind – ohne Reiseagentur, ohne Führer, ohne ….! Nur soviel: Laos gefällt uns auf Anhieb sehr gut. Was für ein Labsal sind die wenigen Menschen, ihre Entspanntheit, ihre Fähigkeit zur Rücksichtnahme, der wenige Verkehr und und und! Doch darüber im nächsten Bericht mehr!

Shi Lin  
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Unsere Nachtplätze in China in chronologischer Reihenfolge kann man sich im gpx-Format HIER herunterladen; alle Koordinaten WGS84; gefühlte Sicherheit: immer hoch


Versuch eines Fazits

Über zwei Monate waren wir in China unterwegs, und wir sind nicht unglücklich, dass wir dieses Land nun verlassen haben. Wir wissen nun, dass China niemals zu unseren Lieblingsreiseländern gehören wird. Nicht zuletzt aufgrund Rolfs China-Reise vor 30 Jahren sind wir mit hohen Erwartungen und exotischen Vorstellungen ins Reich der Mitte gereist. Wir mussten leider feststellen, dass China dann doch ganz anders ist als in der Erinnerung (so eine Überraschung!), als in den Reiseführern beschrieben und vor allem anders als alles, was wir bisher kennengelernt haben. In weniger als einem Jahrhundert ist die Bevölkerung von 400 Mio. auf 1,3 Mrd. (unsere Führer behaupteten unisono, inzwischen schon auf 1,4 Mrd.) angewachsen. Aber dass uns so viele davon an den Sehenswürdigkeiten begegnen würden, war schon nervenzerrend und -zehrend. Sie sind nun mal sehr laut, sehr stur, sehr überheblich (ein großes Problem bei unseren Führern, die bei Kritik sofort schmollten) und sehr rücksichtslos. Sie sind auch unglaublich neugierig und haben keine Probleme damit, ruckzuck durch die offene Tür in den Wagen zu spazieren. Wir und unser Fahrzeug sind natürlich exotisch, aber deswegen muss man doch nicht frühmorgens um 5:30 Uhr an den Wagen klopfen, damit wir öffnen und ihnen das Auto von innen zeigen! Ein zu hartes und vor allem zu pauschales Urteil? Nein, nach 70 Tagen glauben wir, einen großen Teil der Bevölkerung damit zutreffend zu charakterisieren. Wie wir festgestellt haben, können Chinesen sehr wohl freundlich und hilfsbereit sein, aber dazu muss man sie als Einzelwesen kennenlernen, und diese Begegnungen überwogen nun mal nicht bei unserer Art, durch China zu reisen.

Wir wussten auch, dass die Städte riesig sind. Wir ahnten aber nicht, dass bis auf einige wenige Dörfer nichts unter 1 Mio. Einwohner geht. Den Weltrekord hält Chongqing mit 35 Mio., das wir mehrfach durchqueren durften. Nimmt man die eklatanten Navigationsschwächen unserer Führer und die chaotischen Verkehrsverhältnisse hinzu, dann wird vielleicht verständlich, warum wir am Ende eines Fahrtages oft zu kaputt waren, um noch eine Sehenswürdigkeit wirklich genießen zu können.

Eine nicht unerhebliche Rolle spielten auch unsere chinesische Reiseagentur und unsere chinesischen Reiseführer. Die Abstimmung mit unserer Agentur, der in Internetberichten ein guter Ruf vorauseilte, und die wir deshalb auch ausgewählt hatten, waren zäh und mühsam. Fragen wurden oft nicht oder erst nach explizitem Nachfragen beantwortet. Nachdem wir uns darüber einmal beschwert hatten, bekamen wir die Antwort: „Gut! Konkret ist die Mentalität der Deutschen!“ Das war vermutlich als Kompliment gemeint, hat uns aber nicht beglückt. Wir waren bereits in Ulaan Bataar, als plötzlich die Forderung nach der Beteiligung an einer bislang nie erwähnten Fahrzeugkaution gestellt wurde. Erst nach vielen Iterationen hatten wir einen Reiseplan, der die notwendigerweise kürzeren Tagesetappen eines Wohnmobils auf Lkw-Basis berücksichtigte. Wir reißen nun mal nicht 300, 400 oder mehr Kilometer an einem Tag ab. Ob andere Agenturen besser sind, können wir nicht wirklich beurteilen. In Ulaan Bataar haben wir aber Reisende kennengelernt, die mit einer anderen Agentur China durchqueren wollten, und die von ihr zum Beispiel eine Handlungsanweisung für den etwas kniffeligen (Fahrzeugwert) Grenzübergang Mongolei-China bekommen hatten. Unsere Agentur konnte nicht einmal auf unsere daraufhin erfolgte Nachfrage so etwas liefern.

Die wirklichen Schlüsselrollen nehmen aber nun einmal die Reiseführer, besser: Reisebegleiter ein. Wir hatten vier davon, von denen nur Frl. Guo, die uns die ersten drei Wochen begleitete, nach einer Aufwärmphase eine wirklich gute, vor allem mit- und vorausdenkende Führerin war. Sie war auch die einzige Festangestellte, die sich mit der Agentur verbunden fühlte. July, Jerry und Georg waren Freelance-Begleiter mit erheblichen Schwierigkeiten im Umgang mit Karten und Navigationssystemen, so dass ein ständiges Verfahren vorprogrammiert war. Wir haben es irgendwann aufgegeben, die Zahl der hochgefährlichen Wendemanöver im dichtesten Stadtverkehr – schließlich fahren wir keinen Kleinwagen - oder das Rückwärtsfahren auf der Autobahn zu zählen. Der letzte Führer, Georg, hatte gar kein GPS-Gerät dabei und seine Papierkarten waren oft nicht hinreichend. Georg machte dann in „Obst-Navigation“: anhalten (die armen Chinesen hinter uns!) und am nächsten Obstverkaufsstand nach dem Weg fragen. Seine bevorzugte, nicht unvernünftige Strategie war der „Doublecheck“, also 100 m weiter besser noch ein zweites Mal fragen. Und so haben wir uns durch Millionenstädte gehangelt! Oft waren wir so gefrustet, insbesondere, wenn Georg gar nicht mehr wusste, wo in einer Stadt er war, dass wir anhand unseres GPS (mit leider sehr unzureichender OSM-Karte) versucht haben, unser Ziel einzukreisen. Um Geld zu sparen, schlief Georg zudem nur im Zelt, also nicht in einem Guesthouse, das ihm im Falle eines Internetzugangs ermöglicht hätte, die Gegebenheiten des nächsten Tageszieles (Anfahrt, Parkplätze etc.) schon im Vorwege auszuloten. Immerhin war jede Ankunft beim nächsten Ziel dadurch ein neues Abenteuer für uns. Natürlich hätten wir bei unserer Agentur um einen Ersatzführer nachfragen können. Ehrlich gesagt waren wir es satt, einem Fünften die Grundlagen der Navigation beibringen zu müssen!

Bereuen wir nun, trotz all dieser Widrigkeiten nach China gereist zu sein? Nein, wir ließen uns nicht entmutigen und setzten unsere Reise mit wenigen Änderungen wie geplant fort. Und das war eine gute Entscheidung, denn a) sind wir ziemlich sicher, dass wir dieses Land kein 2./3. Mal bereisen werden und b) mit bereits jetzt schon wachsendem Abstand (Schreiben hilft!) stellen wir fest, wie viel letztendlich Erlebens- und Sehenswertes wir kennenlernen durften. Wir haben gigantische Metropolen, aber auch das sehr schöne ländliche China kennengelernt. Wir haben die krassen Gegensätze gesehen, die das Land, wenn es nicht enorme Anstrengungen (zu Lasten des Wohlstands in der „Ersten Welt“) unternimmt, u. E. eines Tages zur Explosion bringen werden: Neben Wolkenkratzern ziehen Wasserbüffel den Pflug auf Reisfeldern, und neben teuren Geländewagen dienen Eselskarren als Transportmittel. Wie immer gab es gute und schlechte Erlebnisse, und schließlich herrschen nun mal in anderen Ländern andere Sitten, auch wenn sie einem nicht immer gefallen mögen. China war unser Mt. Everest: der Anstieg war eine fürchterliche Quälerei (aber, und darauf sind wir stolz, ohne Sauerstoff …. ;-)), der Blick vom Gipfel fiel aus, da ihn dummerweise just bei unserem Eintreffen eine Wolkenwand einhüllte, der Abstieg war noch mehr Quälerei, denn leider haben wir uns jeder einen (Gott sei Dank nicht so wichtigen) Zeh abgefroren. Aber wieder unten, beim Bier im Freundeskreis – Mann, können wir Geschichten erzählen!!!

Und nun liegt Südostasien vor uns, und wir freuen uns auf ganz andere, neue Länder. Und wir können schon soviel sagen, dass uns Laos bisher nicht enttäuscht hat! Doch darüber im nächsten Bericht mehr! Also erst einmal „Zaijian China“ und „Sabaidii Laos“.

Viele Grüße, lasst Euch den Glühwein schmecken, den man hier nicht braucht, den wir trotzdem etwas vermissen,
Bettina & Rolf

Luang Prabang/Laos, im November 2012