TANGERMÜNDE Deutschland
--HAVELBERG-- Deutschland
---HAMBURG--- Deutschland
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In den Elb- und Havelauen – Deutschland/Brandenburg, Juni 2021 Im letzten Herbst waren wir schon einmal nach Südamerika aufgebrochen, hatten es aber nur bis in das Elbsandsteingebirge geschafft. In diesem Juni starten wir einen neuen Versuch, bleiben aber wegen herausragender landschaftlicher Schönheit wieder in Deutschland hängen, und zwar im Nordwesten des Landes Brandenburg, in der historischen Landschaft Prignitz. Kleine Teile der Prignitz gehören zu Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dass wir uns in verschiedenen Bundesländern aufhalten, bemerken wir lediglich an den unterschiedlichen Corona-Regeln. Unser Aufenthaltsort für die ersten zwei Tage ist Groß Lüben, ein Ortsteil von Bad Wilsnack. Der Kurort ist bekannt für seine „Wohlfühltherme“ (die zurzeit geschlossen ist) und viele Kurhotels. Das Wahrzeichen der Stadt ist die Wunderblutkirche St. Nikolai. Sie war zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert, bis Luther „aufräumte“, aufgrund des Glaubens an ein Hostienwunder ein bedeutendes norddeutsches Wallfahrtsziel. Leider ist sie aufgrund von Renovierungsarbeiten ebenfalls geschlossen. Im übertragenen Sinne ist auch unsere Ferienwohnung „in Renovierung“: Wir räumen nach zwei Tagen und suchen uns in Havelberg etwas Wohnlicheres. Nicht weit entfernt von Bad Wilsnack liegt das beschauliche Dorf Rühstädt, bekannt als „Europäisches Storchendorf“ mit der größten Storchenkolonie Mitteleuropas. Mehr als 30 Paare beziehen alljährlich im Frühjahr Quartier auf den auf den Hausdächern vorbereiteten Nistplätzen, um ihre Jungen großzuziehen. Nach erfolgreicher Aufzucht starten die Störche im August zur langen Reise zurück nach Afrika. An den Häuserwänden wird seit vielen Jahren akribisch Ankunft, Zahl der Jungen und Abflug der Störche festgehalten. Um zur europaweit kleinsten Hansestadt, Werben in Sachsen-Anhalt, zu gelangen, überqueren wir die Elbe ohne Motorengeräusche, ohne Abgase, ohne Lithium aus Südamerika per Gierseilfähre: „Eine Gierseilfähre hängt an einem langen Drahtseil, das sich kurz vor der Fähre aufteilt. Ein Seilende ist am Bug und eines am Heck der Fähre befestigt. Verändert sich nun die Länge der Enden zueinander, verändert sich auch der Anstellwinkel der Fähre zum Strom. Dieses Einstellen der Seilenden geschieht heute mit einer kleinen Winde, im Übrigen ist die Fähre motorlos. Der Druck des anströmenden Wassers drängt sie an das Ufer. Das Drahtseil wird im Fluss verankert und für die Schifffahrt mit Bojen markiert. Damit die Fahrrinne frei bleibt, liegt der Anker für das Drahtseil nicht in der Flussmitte.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Gierseilf%C3%A4hre Ein lebendiges Relikt aus einer untergegangenen Ingenieursepoche! Wie unelegant sind dagegen viele heutige technische Lösungen, bei denen ein paar Sensoren und Aktuatoren samt Rechenpower oder noch mehr Rechenpower auf ein Problem geworfen werden! Die Hauptstraße nach Werben ist gesperrt, sodass uns eine Umleitung über Felder und Wiesen durch eine schöne Landschaft in die sehr hübsche kleine Stadt mit vielen aufwändig restaurierten Fachwerkhäusern führt. Leider warten genausoviele Häuser in erbärmlichem Zustand auf ihre Restaurierung. Von der mittelalterlichen Stadtmauer mit fünf Toren sind nur noch wenige Reste und das aus Backstein errichtete Elbtor erhalten. Auch nach Werben kehren alljährlich Störche zum Brüten zurück. Der Bau der Kirche St. Johannis begann bereits im 12. Jahrhundert; sie wurde im 14. und 15. Jahrhundert erweitert. Das Innere zeugt von ehemaligem Reichtum der Stadt und Kirche. Und die bemerkenswerte Ausstellung „Scharade des Lichts“ mit Objekten von Kerstin Schneggenburger ist sehr sehenswert. Ein schöner Ausflug!
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Mit Lithium-freien Rädern geht es durch Wald und an Wiesen und Feldern entlang zu Norddeutschland einziger erhaltener Wasserburg. Die „Plattenburg“, deren Ursprünge auf die Zeit vor 1200 zurückgehen, diente im Mittelalter den Havelberger Bischöfen als Sommerresidenz. Aufgrund von Corona-Beschränkungen dürfen wir sie nur von außen besichtigen. Auf der Rückfahrt durch den Wald streikt Bettinas Fahrrad, das Tretlager verabschiedet sich, und ohne treten zu können, nützt ein Fahrrad gar nichts. Werkzeuge und eine Flex zum Umbau zum Laufrad haben wir nicht dabei, also heißt es Schieben. Rolf radelt voraus, um das Fahrrad und Bettina bei nächstmöglicher Gelegenheit mit dem Auto abzubergen. Dank der hilfsbereiten Mitarbeiter der Touristeninformation in Bad Wilsnack finden wir eine Fahrradwerkstatt in Havelberg, wo wir das Fahrrad am nächsten Tag repariert wieder in Empfang nehmen können. Das passt gut, denn unsere zweite Ferienwohnung (unsere erste in Groß Lüben haben wir wegen gefühlter Unbewohnbarkeit nach zwei Nächten aufgegeben) für die nächsten fünf Tage liegt in Havelberg/Sachsen-Anhalt. Oberhalb der Havel mit herrlichem Blick auf den Fluss und die liebevoll am Ufer angelegten Kleingärten. Morgens um 4:30 h wecken uns die Wildgänse, die zu Tausenden die Auen bevölkern. Die Stadt liegt an einem eiszeitlichen Höhenzug; auf ihm thront der Dom Sankt Marien, einst die Kathedrale des Bistums Havelberg. Vom Dom aus blicken wir hinunter auf die von der Havel umflossenen hübsche Stadtinsel mit ihrer historischen Altstadt. Havelberg ist der ideale Ausgangspunkt für kleinere und größere Fahrradtouren. Zum Beispiel zur 20 km entfernten Havelmündung in die Elbe. Nach katastrophalen Überschwemmungen der Havelniederungen im 18. und 19. Jahrhundert wurde, damit Havelhochwasser schneller abläuft, ein 11 km langer Kanal, der sog. Gnevesdorfer Vorfluter, parallel zur Elbe gegraben. Die Vorväter verlegten dadurch die Havelmündung um 11 km elbabwärts und machten sich zunutze, dass das Elbgefälle deutlich größer als das Havelgefälle ist. Zu diesem Hochwasserschutzsystem gehören auch vier Wehre sowie die Schleuse Havelberg. Zwischen Elb- und Havellauf liegt das Naturschutzgebiet Havelniederung, das wir per Fahrrad erkunden. Die Tour bringt uns auch nach Quitzöbel. Im winzigen Ort wollen wir die 1662 erbaute Kirche besichtigen. Auf seiner Wanderung durch die Mark Brandenburg besuchte Theodor Fontane 1887 auch Quitzöbel und beschreibt in seinem Buch „Fünf Schlösser“ die Kirchturmbesteigung. Ein freundliches Gemeindemitglied sieht uns vor der verschlossenen Kirche stehen, eilt herbei, öffnet sie uns und erläutert ausführlich Geschichtliches und Politisches der näheren Umgebung. Mit unserer Frage nach seiner Bewertung des Verhältnisses zwischen Ost- und Westdeutschland betreten wir ein Minenfeld. Wir verabschieden uns mit der einvernehmlichen Einschätzung, dass noch zwei bis drei Generationen (er: drei; wir: zwei) für zugeschüttete Gräben abtreten müssen. Den Kirchturm dürfen wir nicht besteigen, er ist renovierungsbedürftig. Ein Ausflug in die Kaiser- und Hansestadt Tangermünde bringt uns durch mehrere hübsche kleine Ortschaften. In Sandau besuchen wir die um 1200 errichtete Kirche St. Laurentius und St. Nikolaus. Im restaurierten Turm hat sich das Gemeindezentrum einquartiert, mit Räumen für Ausstellungen, Tagungen und Feiern. Hübsch ist die liebevoll gestaltete Miniaturenausstellung. In Klietz am See steht ein Exemplar eines der ältesten Windmühlentypen Europas, eine Bockwindmühle von 1880: „Die Bockwindmühle (auch Ständermühle, Kastenmühle oder Deutsche Windmühle) ist der älteste Windmühlentyp in Europa. Kernmerkmal dieses Mühlentyps ist es, dass das gesamte Mühlenhaus auf einem einzelnen dicken Pfahl (dem „Hausbaum“) steht, der senkrecht in einem unterhalb der eigentlichen Mühle befindlichen hölzernen Stützgestell (dem namengebenden „Bock“) befestigt ist. Auf dem Bock kann die gesamte Mühlenmaschinerie mittels der Hebelwirkung des Außenbalkens in den Wind gedreht werden. Diese Methode ist jedoch bei wechselnden Windrichtungen nicht optimal und sehr beschwerlich.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Bockwindm%C3%BChle Der kleine Ort Schönhausen mit den umgebenden Ländereien ging 1562 in das Eigentum der von Bismarcks über; Otto von Bismarck wurde 1815 im Schloss Schönhausen geboren. Es wurde 1958 auf Befehl der DDR-Führung als Symbol des „preußischen Militarismus“ gesprengt; erhalten blieb lediglich ein Seitenflügel, das sog. Torhaus. Darin befindet sich heute das Bismarck-Museum, das leider wegen Corona ebenfalls geschlossen ist. Vom einst wunderschönen Barock-Park ist nach der verheerenden Überschwemmung von 2013 nichts übrig geblieben. Angeblich wird intensiv an der Rekonstruktion gearbeitet – wir können keine umfangreichen Bauarbeiten erkennen. Diesen Ort aufzusuchen endet in einer Enttäuschung. Aber die Stadt Tangermünde entschädigt uns. Sie liegt am linken Ufer der Elbe direkt an der Mündung des Tangers. Durch die Hochlage ist die gut erhaltene Altstadt mit vielen Fachwerk- und Backsteinbauten vor Hochwasser geschützt. Die Gebäude der fast vollständig erhaltenen ehemaligen Burganlage werden heute als Hotel sowie Tagungs- und Veranstaltungszentrum genutzt. Wir schlendern entlang der alten Stadtmauer und durch die hübschen Gassen der Altstadt. Und hier, im Gegensatz zu den sonstigen Orten, durch die wir bisher gekommen sind, haben Cafés und Restaurants wieder geöffnet; die Vielzahl der zu dicht beieinanderstehenden und -sitzenden Menschen ist beängstigend.
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Fazit: Als wir nach acht Tage nach Hause zurückkehren, sind wir froh, diese kleine Reise unternommen zu haben. Das Wetter hat mitgespielt, wir haben neue Eindrücke gewonnen und vieles hinzugelernt. Unsere Hoffnung, im Herbst nach Uruguay reisen zu können, haben wir noch nicht aufgegeben. Ob diese Hoffnung wahr wird? Wir werden es Euch wissen lassen ! Bis dahin viele Grüße, Bettina & Rolf (Maschen/Deutschland, im Juli 2021)
Festung Königstein/Deutschland 2020 Tangermünde/Deutschland